Wenn man aussteigt

Nicht nur in der Wissenschaft hat man in den meisten Disziplinen erstmal ein theoretisches Fundament, bevor man sich in die Praxis wagt, auch der Angsthase denkt gerne und ausführlich über Dinge nach, bevor er zu handeln beginnt (wenn überhaupt). Wenn ich also eine Sache gut kann (neben „Überall-schlafen-zu-können“), dann das Nachdenken. Besonders über Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Besonders über schlimme Dinge, die passieren könnten.

Wenn ich also über das Aussteigen nachdenke, ist jeder Gedanke mit einer möglichen Katastrophe verknüpft, die eine Entscheidung mit sich bringen könnte. „Ungelegte Eier“ nennt man das in der Fachsprache und hier bin ich die Master-Henne, die solche am Fließband produziert. Der einzige Vorteil an dieser Denkweise ist, dass ich mir in ebenso schillernden Farben ausmalen kann, wie meine Zukunft aussehen würde, wenn ich eben keine Veränderung herbeiführe: Total Burn-Out, gebrochenes Rückgrat, was keiner merkt, weil es einen zwischen Schreibtisch und ergonomisches Stuhl so schön aufrecht hält, innere Verwahrlosung, tote Augen, fahle Haut, Zombie-Apokalypse vorm morgendlichen Spiegel und irgendwann nur noch der Wunsch nach Wochenende und Urlaub, weil die restliche Lebenszeit eh keinen Wert mehr hat. Da klingt die Ungewissheit in Bezug auf den Neuanfang doch gar nicht mehr so gruselig.

Aber machen wir uns nichts vor: Aussteigen ist Abstieg und Verzicht auf die Komfortzone. Der Herzchirurg, der LKW-Fahrer wird; die Managerin, die nun in einem Landschulheim arbeitet – ich habe noch nie von solchen „Karrieren“ in umgekehrter Form gehört. Der Bauarbeiter, der sagt: „Ich steige aus und schreib‘ mich in der Uni ein!“ Natürlich ist auch dieser Werdegang möglich, aber keiner würde hierfür das Wort „Aussteigen“, sondern „Aufsteigen“ benutzen.

Ein Ausstieg ist auch immer mit Staunen verbunden – Staunen über den Mut, aber auch, warum man alles hinwirft für weniger. „Du hast doch alles!“ Ich weiß, dass auch mich dieses Urteil treffen könnte, weil ich nicht leugnen kann, dass es mir gut geht.Jetzt über Glück, Zufriedenheit, mehr Zeit (oder noch schlimmer!) „Quality-Time“ zu sprechen, klingt nach Midlife-Crisis, blonden Strähnen und Motorradkauf. Es klingt undankbar, unbestimmt und naiv. Wozu hat man sich all die Mühe gemacht, ist die Erfolgsleiter empor geklettert, wenn man am Ende sagt: „Ehm…nö!“ An diesem Punkt merkt man sehr schnell, ob man die wichtigste Lektion im Leben bereits gelernt hat: Was gibt man auf das Gerede von anderen? Ganz ehrlich: jede Menge. Viele Entscheidungen, viele Karrierestufen habe ich gerade aus diesem Grund erklommen. Ich wollte die Anerkennung von anderen. Zu blöd nur, dass sich die meisten maximal mit deiner Leistung auseinandersetzen, wenn sie ihnen was bringt. Noch blöder, wenn ein Lob so viel Haltbarkeitszeit in meinem Anerkennungsspeicher wie eine Seifenblase hat.

So heißt Aussteigen für mich zunächst, nachdenken, was ich wirklich möchte, welcher Wunsch eigentlich hinter meinem Aufstieg steckt. Am Ende werde ich dafür auf einiges verzichten, Sicherheit und Geld, dafür werde ich sicher manchen dummen Spruch ernten – aber hey, den Luxus gönn ich mir.

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