Darf ich vorstellen?

Neben meinem Talent, überall einschlafen zu können, habe ich noch eine zweite Gabe: Dinge schlecht reden. Sobald ich Geschichten über Aussteiger, Existenzgründer und zufriedene Menschen höre, denke ich nur: „Und wie können die sich das leisten?“

„Ohne Fleiß keinen Preis“ gibt es dann in meinem Kopf nicht mehr, nur noch nackte Zahlen, Finanzen und Kontostände, die mir vorenthalten werden. Mit dem finanziellen Backup, zahlenden Eltern, heimlichen Erbschaften oder Lottogewinnen kann ja jeder aussteigen! – denke ich und dann: Das habe ich aber alles nicht, also kann ich mir meine Wünsche nicht erfüllen. Aber schnell merkt man, dass das nur lauwarme Ausreden sind. Selbst wenn jemand mit einem Startkapital in den Ring steigt, muss er dort eigenständig bestehen und diese Leistung kann man niemanden absprechen. Dennoch weiß man oft zu wenig über die Hintergründe von Aussteigern und Existenzgründern, was Raum für Spekulationen lässt – und auf Spekulationen springen Angsthasen sofort an.

Für die ängstlich Entschlossenen möchte ich daher Transparenz über meine Startsituation schaffen, aber auch zeigen, wie ich an diesen Start gekommen bin. Alle Faktoren, die bei Angsthasen zu Ausreden führen könnten, will ich offen legen, mit manchen Dingen funktioniert eine Ausrede auch sicherlich bestens. So lebe ich schon sehr lange in einer gut funktionierenden Beziehung, was eine große Unterstützung ist. Wir haben beide einen akademischen Abschluss, die bessere Hälfte zudem eine Ausbildung. Zusammen konnten wir eine beträchtliche Summe zusammensparen (ca. 50.000 Euro), wobei mein Mann den Löwenanteil dazu beigetragen hat, was den unterschiedlichen Branchen, in denen wir tätig sind, geschuldet ist. Inzwischen arbeite ich Vollzeit in einer leitenden Position, die Stelle ist unbefristet*; mein Mann arbeitet in Teilzeit, Homeoffice. Wir beide stammen nicht aus „reichem Haus“ und erhalten somit auch keine finanzielle Unterstützung und werden auch in Zukunft nicht mit einem fetten Erbe kalkulieren können. Wir besitzen keine Immobilie, wohnen zur Miete und haben zwei Autos (eines davon ist ein kleiner Camper).** Unser dritter Mitbewohner ist eine Katze, die keine Miete zahlt und auch sonst nichts zu unserem Leben beisteuert – außer jede Menge Fell. Mit Miete, Strom, Versicherungen, Bausparvertrag, Lebensmitteln etc. und alle Kosten aus dem Freizeitbereich liegt mein tägliches Budget derzeit bei ca. 50 Euro. Und noch mehr Zahlen: Ich bin Anfang 30.

Das ist der Stand der Dinge. Was soll sich also ändern?

Grundsätzlich möchte ich meine Stelle gegen Selbstständigkeit flankiert von Nebenjobs tauschen. Hierzu muss ich meine täglichen Ausgaben herunterfahren, mein Wunsch wäre etwas zwischen 20-30 Euro. Ich möchte entspannter, fokussierter und wieder zeitlich flexibler werden. Ich möchte mich wieder für das, was ich mache, begeistern können. Ich möchte mit meinen Fingerspitzen meine Zehnen berühren. Das klingt nach jeder Menge Arbeit…

*Dieser Umstand hat sich inzwischen geändert.

** Auch dieser Umstand hat sich inzwischen geändert.

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