If this is your first fight…

Als ich bei Zeiten mit einem Freund über Veränderungen sprach, zitierte ich mal wieder Tyler Durden aus „Fight Club“. Der Freunde musste belustigt und zugleich verwundert feststellen, dass ich immer noch an diesem Buch hänge.

Nun ja, „Fight Club“ war sicher DAS Buch bzw. der Film einer ganzen Generation. Dabei bin ich eigentlich über Umwege an den Roman geraten. Für die Verfilmung, die ich eigentlich nur wegen Brad Pitt und Edward Norton sehen wollte, war ich damals zu jung. Ich kann mich noch erinnern, wie ich bei Karstadt (!!) in der Buchabteilung plötzlich eine Taschenbuchausgabe entdeckte, die das Filmplakat zierte. Jedes Mal wenn ich nun durch Karstadt schlenderte (und auf einmal tat ich das oft), musste ich einen Blick in das Buch werfen und wahllos ein paar Zeilen lesen. Schließlich wünschte ich mir den Roman zu Weihnachten von meiner Tante und da Bücher ja immer wertvoll sind, bekam ich „Fight Club“ unter den Christbaum gelegt. Danke, FSK 18, dass ich dann zumindest ein Nachschlagwerk hatte, wie man Bomben bastelt (und Katzenstreu habe ich immer parat). Für mich war Chuck Palahniuk damals eine literarische Offenbarung – noch nie hatte ich etwas gelesen, was nur im Ansatz in solch eine radikale Richtung ging. Damit meine ich nicht die Gewalt, den Sex oder die Bomben. Jeder Satz war für mich ein Manifest. Den Plot musste ich zweimal lesen, weil ich zunächst nicht fassen konnte, dass der Leser tatsächlich so an der Nase herumgeführt werden konnte (nach der Lektüre wurden mir übrigens viele Filme und Bücher vergällt, die mit einer ähnlichen Idee daher kamen).

Inzwischen habe ich mich an Palahniuk satt gelesen, vielleicht kriege ich „Fight Club“ nicht aus meinem Kopf und jede Provokation erscheint wie die Kopie der Kopie der Kopie. Dennoch bin ich ein treues Fight-Club-Mitglied geblieben. Doch obwohl es mich damals beeindruckt hat, dass ich nicht meine Kleidung, nicht meine Wohnung, nicht mein Auto bin – habe ich kaum etwas verinnerlichen können. Ich beneidete den Erzähler, der ausbrechen konnte, alle Konventionen einriss. Ich liebte Tyler Durden, der mit der Gesellschaft abrechnete. All dieses Kleinbürgerliche, die Spießigkeit, die uns nicht glücklich machen konnte – die uns so unglücklich machte, dass wir in den Fight Club mussten, um endlich wieder das Leben in uns zu spüren, selbst wenn es nur der Schmerz eines Faustschlags war. Und bevor das Fan-Girl mit mir durchgeht, gestehe ich, dass ich damals „Fight Club“ in seiner ganzen Dimension nicht verstanden habe. Der Erzähler war ein Angsthase, du kannst Bomben basteln, Seife sieden und dich prügeln – wir Angsthasen erkennen uns untereinander. Der Erzähler hätte nicht alleine aus seiner Komfortzone gefunden, er brauchte Tyler Durden, die lebendige Abrissbirne des alten Lebens. Er brauchte den Fight Club als Ventil, als neue Zuflucht vor einer Gesellschaft mit zu vielen Regeln und „du musst“ und „du solltest“. Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich weder das eine noch das andere. Aber ich hatte tiefstes Verständnis für den Erzähler, für den Wunsch, das Leben zu ändern, weniger abhängig von dem Urteil und den Erwartungen anderer zu sein. Wie soll das mit (damals) 17 Jahren gelingen? Und doch blieb die Mitgliedskarte des Fight Clubs in meinem Hinterkopf hängen, klopfte mit Zitaten immer wieder an die Tür: „Erinnerst du dich noch? ‚Du bist nicht dein Portemonnaie. Du bist nicht das Auto, das du fährst. – Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun.“ In der Zeit, wo ich nichts hatte (kein Auto, kein volles Portemonnaie) spürte ich jedoch keine Freiheit, sondern Angst. Was mache ich, wenn ich kein Geld mehr für die Miete habe? Was passiert, wenn ich krank werden? Und kann ich verdammt noch mal irgendwann in den Urlaub fahren?! Also habe ich jede Menge Sicherheiten um mich geschaffen. Rente? Läuft! Weiterbildung! Läuft! Job? Läuft! Urlaub? Kann los gehen! Die Angst vor kaputten Waschmaschinen, Altersarmut oder einem fehlenden Job sank, doch meine Abhängigkeiten wuchsen und damit auch die Unzufriedenheit. Meine Rechnung „Mehr Sicherheit = weniger Angst“ hat ihre Balance verloren. Es wird kein Tyler Durden kommen (wer den Plot kennt: GOTT SEI DANK!) und ich kann schwerlich meine Wohnung in die Luft sprengen (auch wenn ich wirklich genug Katzenstreu hätte). Aber ich kann mich erinnern und ich kann es versuchen: weniger mein Auto, mein Job oder meine Kleidung zu sein.

  • Warum sollte man „Fight Club“ lesen bzw schauen?  Literarische Gesellschaftskritik in einem anarchischen Gewand und bezüglich des Films: Brad Pitt – reicht, oder?
  • Was lernt man? Hobbythek für gelangweilte Konsumbürger oder für alle, die schon immer mal selber Seife machen wollten.
  • Kaufen kann man das Buch hier.

 

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