Alles anders

Zwei Tage, an denen sich alles verändert – zumindest scheint es so. Ich habe viel gejammert und gemeckert, manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich die letzten Jahre nichts anderes getan. So sehr ich mich auch immer bemüht habe, zufrieden konnte ich nicht werden, was besonders an meinen Jobs lag.

Also habe ich noch mehr gemeckert, aber gleichzeitig in meinem Kopf gewühlt, nach Ursachen geforscht, Entscheidungen überdacht und Werte auf den Kopf gestellt.

Ich wollte etwas ändern, raus aus dem Hamsterrad. Die Idee war zunächst nur vage, besonders in beruflicher Hinsicht. Denn wirklich einen Grund für meine Kritik hatte ich nie: meine Kollegen waren immer nett, meine Aufgaben sinnvoll und das Gehalt nie wirklich schlecht. Ab einem bestimmten Punkt begann ich jedoch stets Haare in der Suppe zu sehen, ganze Büschel! Diese fiesen Haare wuchsen über den Tellerrand und überwucherten den gesamten Tisch, das Zimmer, die Wohnung mein Leben. Die meisten Menschen verbringen sehr viel Zeit mit und auf ihrer Arbeit. Wenn dieser Punkt also nicht stimmt, stimmt der Schwerpunkt im Leben nicht.

Rückblickend kann man schlimmere Entscheidungen treffen, als es meine waren. Küken-Schreddern, Drogen verkaufen oder Kindern erklären, dass es den Weihnachtsmann, Osterhasen und Batman nicht gibt (irgendwer muss das ja tun). Dennoch habe ich meine Berufe mit der falschen (für mich falschen) Intention getroffen: Geld und Prestige. Als studierte Geisteswissenschaftlerin ist das vielleicht nicht so verwunderlich, aber dann hätte man ja gleich Jura oder Medizin wählen können. Doch die Wahl der brotlosen Kunst war ja nicht einfach aus dem Bauch heraus getroffen worden. Mir hatten die Themen aus Literatur, Kultur und Philosophie gefallen. Diese Entscheidung hatte ich getroffen, weil ich sie wollte (und jeder kann sich sicher sein, ich habe das gesamte Studium oft genug gehört: Was kann man damit machen?).

Umso erstaunter war ich nun, als ich merkte, wie wichtig es mir plötzlich geworden war, zu den Besserverdienern zu gehören und bei der Antwort, was ich beruflich denn so machen würde, ein anerkennendes „Woah!“ zu ernten. Auf der anderen Seite war es mir aber nicht wichtig genug, um mit meinen jüngsten Entscheidungen zufrieden zu sein. Und so wußte ich irgendwann: Ich muss kündigen. Nun bin ich noch nicht ein Jahr in meinem jetzigen Job, hatte mich nie groß beschwert (für meine Verhältnisse schon, aber Angsthasenbeschwerden sind eher das zaghafte Räuspern im Beschwerdekatalog) und begann plötzlich ein Doppelleben, was einer Affäre gleich kam. Ich gab mir weiterhin Mühe und war fleißig, obwohl ich daheim nach neuen Jobangeboten schaute. Ich kann jeden Arbeitgeber verstehen, der in mir die schlimmste Sorte an Mitarbeiter sieht. Bei mir gab es nämlich keinen Handlungsspielraum mehr, nichts, was man mir hätte anbieten können. Gleichzeitig war ich einfach zu feige, um meinen inneren Entschluss zu kommunizieren. Denn für mich stand irgendwann nicht mehr nur ein Jobwechsel im Raum, sondern ein schlichtes: Ich muss raus.  Bestimmt ist dieses Gefühl schwer zu verstehen, weil es nicht brennt, da ist keine Qual oder Druck. Alles Dinge, die man aushalten könnte. Doch ich konnte nicht mehr aushalten. Schon bei meinem vorherigen Job hatte ich Monat um Monat weitergemacht, um anderen einen Gefallen zu tun. „Ich kann jetzt nicht gehen, gerade stehen noch die und die Aufgaben an – reiß dich zusammen!“ Das würde ich diesmal nicht tun. Ich würde kündigen, ob mit oder ohne neuen Job im Gepäck. Das klingt erstmal fürchterlich verwegen, wie eine Phrase aus einem Actionfilm: bewaffnet bis unter die Zähne, erste Schürfwunden und ein heiseres „Ich hol‘ uns hier raus!“

Also habe ich mir eine Deadline gesetzt, bis zum Tag x musste ich kündigen, sonst wäre es mit den Fristen schwierig geworden. Selbst wenn ich bis dahin keinen Job gehabt hätte, hätte ich gekündigt. Ob ich das wirklich gemacht hätte? Ich weiß es nicht – ich hoffe es.

Denn am Ende entschied sich alles in zwei Tagen. Am Montag vor zwei Wochen hatte ich ein Bewerbungsgespräch: andere Stadt, Teilzeit, weniger Gehalt, keine leitende Position. Als ich das Gebäude betrat, dachte ich nur, hier will ich sein. Ich will das so, so sehr, alleine deswegen wird es nicht klappen. Das Gespräch lief auch wirklich gut, aber glaubte man mir, dass ich meinen jetzigen Job aufgeben würde, um etwas zu finden, was mich zufrieden macht? Klingt das nicht irgendwie nach… Blumen, Peace-Zeichen und einer Prise LSD? Aber ich war ehrlich gewesen, hatte die emotionale Hose heruntergelassen, mehr konnte man nicht tun. Und während ich mich Tagträumen und möglichen Enttäuschungen hingab, folgte ein paar Stunden später der Anruf: ich könne den Job haben. Ich hatte mir etwas gewünscht, ich wollte etwas ändern, ich hatte etwas getan und nun hatte es funktioniert. Ich kann es immer noch nicht fassen.

Am Dienstag kündigte ich meinen alten Job, mit Herzklopfen, Gewissensbissen und leichten Zweifeln („Bist du wahnsinnig?“). Zwei Tage – alles anders. Und so war es nicht Silvester, was für einen Jahreswechsel sorgte – sondern der Angsthase in mir, der nicht mehr unzufrieden sein wollte.

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