Stein, Schere, Papier (Teil 2)

Wir erinnern uns: Im letzten Jahr hatte ich begonnen alle nötigen Unterlagen für meinen Gewerbeschein zu sammeln ( das Horn einer blauen Schildplattkröte, die Träne eines Gnoms, ein kariertes Maiglöckchen und mein Führungszeugnis) und versuchte nebenbei eine Gewerbesteuernummer zu beantragen, wozu man mir die Unterlagen geschickt hatte. Am Ende gibt es ein paar Tipps und Links.

Während das Sammeln für den Gewerbeschein gut funktionierte, stellte mich der Antrag für die Gewerbesteuernummer vor ganz neue Herausforderungen – z.B. ob Deutsch überhaupt die eigene Muttersprache ist. Bei allen offiziellen Formularen gibt es immer eine Art „Anleitung“, die noch einmal kurz verdeutlicht, was man eigentlich in dieses oder jenes Feld eintragen soll. Hierzu muss man wissen, dass ich grundsätzlich nur Dinge nutze, deren Gebrauch a) in fünf Minuten durch andere erklärt werden kann oder b) ich in fünf Minuten selber herausfinde, wie es funktioniert (inklusive Fehlerquote). Man kann sich also denken, dass mein Niveau weit unter dem Zauberwürfel liegt und ich sicherlich bald in ein Alter komme, wo ich nur noch Schuhe mit Klettverschluss tragen werde.

Also saß ich an einem wenig sonnigen Sonntag in einem Cafe, breitete Formulare vor mir aus und war eigentlich ziemlich optimistisch, das ganze im Laufe einer Kaffee-Kuchen-Pause zu erledigen. Ich war ja so naiv… Zunächst hatte ich einen ziemlichen „run“, weil einen alle Formulare durch Abfragen der persönlichen Angaben ein erhabenes Gefühl der Sicherheit geben: Vorname – check!, Nachname – check!, Adresse – ha, das läuft!, Konfession… was bedeuten die Kürzel…ok, verstehe, Telefonnummer – back on track! Das ist aber alles nur ein billiger Trick, um einen tiefer in die Wirrungen des Formulars zu ziehen. Ich scheiterte schon an der ersten Frage zur „Berufsbezeichnung“. Ist mein jetziger Beruf gemeint oder was ich mit dem Gewerbe machen möchte? Ein Blick in die Anleitung machte mich nur konfuser: die genannten Beispiele stützten sowohl die These zum jetzigen als auch zukünftigen Beruf bzw. Gewerbe. Oh, du Ausgeburt der Hölle! Natürlich entschied ich mich hier für die falsche Antwort, wie sich später noch herausstellte (man sollte die Berufsbezeichnung des Gewerbes eintragen). Mein Kuchen war zur Hälfte gegessen, der Kaffee nur noch lauwarm und ich hatte erst das Deckblatt ausgefüllt! Erst jetzt fiel mir auf, dass ich auf jeder Formularseite meine Steuernummer eintragen musste. Fleißarbeit – immerhin etwas. Nach dem Deckblatt folgten Angaben zum Steuerberater und viele Dinge, die ich mit einfachen Kreuzen abarbeiten konnten.

Doch kaum fühlte ich das zarte Pflänzchen des Aufschwungs in mir, sollte ich Angaben zu meinen zukünftigen Einnahmen und (schnell vorblättern und spoilern) Einkünften machen. Vage fühlte ich mich an die verhassten Textaufgaben in Mathe erinnert und überschlug im Kopf, was da ungefähr Sinn machte – zumindest für mich. Die zweite Tasse Kaffee wurde bestellt, die Lust auf Kuchen war mir vergangen. Inzwischen hatte ich mir Fragen zu dem Formular notiert, wobei ich hierbei deutlich besser vorankam als mit dem Ausfüllen. Voller Dankbarkeit entdeckte ich ein Blatt für die SEPA-Lastschrift. Endlich ein Formular, was ich uneingeschränkt ausfüllen konnte. Doch dieser Teilsieg war nur eine müde Ablenkung vom eigentlichen Antrag. Dieser sah inzwischen aus wie ein Flickenteppich mit riesigen Löchern. Kurzzeitig dachte ich über eine Internetrecherche nach, verwarf dies jedoch und tröstete meinen Misserfolg mit Kuchen.

Zwei Tage später rief ich beim Finanzamt an; genauer gesagt, direkt bei der netten Dame Frau H., die mir schon letzte mal geholfen hatte. Ich outete mich sofort als unfähig, den Antrag eigenständig auszufüllen und absolut hilfsbedürftig, was für mein Gegenüber jedoch gar kein Problem darstellte. Was nun folgte, war etwas, was ich in Bezug auf das Finanzamt nie erwartet hätte (und ja, meine Erwartungen beriefen sich nur auf Vorurteile): geduldig gingen wir gemeinsam das Formular durch, klärten meine Fragen und Frau H. machte mich sogar auf Stolpersteine aufmerksam, die ich sonst übersehen hätte. Am Ende war das Formular fertig und ich bedankte mich aus tiefsten Herzen bei Frau H.

Meistens überkommt einem im Alltag ja ein reflexartiges „Danke“, was ungefähr so viel wert ist wie „Wie geht es dir?“. Oft muss man sich auch gar nicht bedanken, weil man Hilfe im Smartphone findet und Siri mein Dank ziemlich egal ist. Umso seltsamer, aber auch erfreulicher ist es, wenn sich Herzlichkeit mit Dank vermischt, weil einem ein anderer Mensch geholfen hat. Klar, dass ist auch irgendwie Frau H.s Job gewesen, aber sie hätte auch wesentlich unfreundlicher sein können, weniger geduldig und knapp angebunden. Vielleicht ist man so ein nettes Verhalten auch einfach nicht mehr gewohnt… Frau H. räuspert sich: „Vielleicht haben Sie auch einfach nur echt viele Vorurteile gegen Beamte.“

Tipp:

  • die Gewerbesteuernummer beantragt man über das Finanzamt (was für euch zuständig ist)
  • versucht hier einen persönlichen Ansprechpartner zu finden (wenn man die Unterlagen zum Ausfüllen zugeschickt bekommt, steht dieser meistens dabei)
  • wozu diese Nummer überhaupt?
  • und falls man keinen netten Ansprechpartner zum Ausfüllen findet?
  • auch hier beachten: die Bearbeitungszeit kann bis zu einem Monat umfassen
  • schon vorher überlegen, wie hoch man das Einkommen bzw. die Einkünfte für das neue Gewerbe im Eröffnungs- und Folgejahr schätzt
  • klingt simple, aber Frau H. bestätigte mir: am häufigsten werden Unterschriften vergessen
  • wenn man im Vorfeld alle wichtigen Unterlagen für das Gewerbe in einem Ordner gesammelt hat, geht das Ausfüllen schneller

 

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