Ein „Toast“ auf Oma

Die letzten Tage in meinem Büro laufen an und ich blicke ein wenig zurück.

Selber zu kündigen ist definitiv die bessere Variante der Kündigung – außer natürlich aus strategischen Gründen. Dennoch braucht eine Kündigung immer jede Menge Anlauf und Vorbereitung, bis man sich schließlich überwindet. Auch hier stehen die Meter des Anlaufs im Verhältnis zum Job oder was nach der Kündigung folgt. Ist schon ein neuer Job in Aussicht, fällt die Trennung sicher leichter. Für einen Angsthasen ist das jedoch alles egal, denn das schlimmste sind die Stimmen. Ja, genau die Stimmen im Kopf. Nicht die, die sagen „Natürlich kannst du dich nur von Käsetoast ernähren!“, sondern die Stimmen der ANDEREN.

Ob Paranoia oder Narzissmus, aber Angsthasen sind sich ziemlich sicher, dass andere Menschen STÄNDIG über sie reden (hat ja auch keiner wichtigere Themen, außer vielleicht die Sache mit dem Käsetoast) und verurteilen. Am meisten fürchte ich dabei, dass genau das thematisiert wird, was ich eh schon ständig in meinem Kopf hin und her wälze. Bin ich zu sprunghaft? Kann ich überhaupt zufrieden sein? Was ist, wenn mir der neue Job auch nicht gefällt?

Kündigen ist somit noch nicht das Ende vom Lied, danach folgt die Verbreitung der Nachricht. Das kann man natürlich locker über irgendwelche sozialen Kanäle regeln (zum Beispiel einen Blog…), einfach die finale Nachricht übermitteln (manche Leute sind ja eh eingeweiht in die Pläne) oder nebenbei einfließen lassen, wenn es sich um entfernte Bekannte handelt.

Dann gibt es aber die Menschen, die kein Internet haben, zur Familie gehören und die man eigentlich nie wirklich in die Pläne eingeweiht hat, weil sich die meisten Gespräche darum drehen, dass es wieder regnet und ob man warm genug angezogen ist – sprich: meine Oma.

Hand aufs Herz, die wenigsten Familienmitglieder wissen eh ganz genau Bescheid, was man im Job so treibt, maximal die Berufsbezeichnung, um anderen Verwandten zumindest sagen zu können, was Enkel/Tochter/Neffe/Cousine eigentlich treiben.Wenn man also über eine Kündigung spricht, müsste man auch den Grund erklären und dann müsste man plötzlich ganz viel von seiner Arbeit reden, was man ja vorher nicht gemacht hat. Selbst einen Jobwechsel muss man ja irgendwie begründen (besonders, wenn er vom Status her einen „Abstieg“ bedeutet). Also, hatte ich am meisten Sorgen, meiner Oma von der Kündigung zu erzählen und dann auch im nächsten Schritt von den Plänen zur Selbstständigkeit. In meinem Kopf gab es mehrere Szenarien hierzu:

Szenario 1 (am Telefon)

Oma: Und wie ist das Wetter bei euch?

Ich: Ach, geht eigentlich. Habe meinen Schirm heute sogar nicht auf meinem Weg zur Arbeit gebraucht. Wo wir schon beim Thema „Arbeit“ sind: Ich habe gekündigt, aber auch schon…

Oma: Hä?

Ich: Gekündigt, aber ich habe auch schon einen neuen…

Oma: Das ist der Klimawandel! Bei uns regnet es total! Zieh dir bloß was warmes an!

Ich: … ja, mach ich…

Szenario 2 (in Omas Küche)

Oma: Komisches Wetter im Moment!

Ich: Ach, das ist mir grad ganz egal. Weiß du, ich bin richtig glücklich im Moment. Ich war in letzter Zeit so unzufrieden auf der Arbeit, wollte das aber nicht erzählen, damit du dir keine Sorgen machst. Ich habe jetzt einen neuen Job gefunden!

Oma: mh…

Ich: Ja, eh… ist auch was ganz tolles, nicht so viel Stress wie vorher. Gekündigt habe ich auch schon. Weißt du, ich wollte auch mehr Zeit haben, weil wir ein Reisegewerbe…

Oma: mh…

Ich: Ja, das klingt jetzt alles ein wenig durcheinander, aber Businessplan und so steht auch…

Oma: (schaltet ihr Hörgerät aus und macht einen Käsetoast für mich)

Die Realität

Ich: Weißt du, ich hatte ja schon erzählt, dass wir so eine Art Imbisswagen aufmachen wollten.

Oma: mh…

Ich: Aber ich hatte kaum mehr Zeit für irgendwas und wirklich zufrieden war ich nicht, aber ich habe jetzt eine neue Stelle gefunden und die jetzige auch gekündigt.

Oma: Weißt du was? Das Leben ist kurz und du bist noch jung. Hauptsache, du machst etwas, womit du zufrieden bist. Das ist heute wichtiger.

BÄM! In keinem meiner Kopfgespräche gab es eine solche Reaktion; ich hatte nie einkalkuliert, dass meine Oma Verständnis zeigt und zwar auf eine Art, wie sie mir kaum einer entgegen gebracht hat. Ohne große Erklärungen, ohne Details, war es für Oma das wichtigste, dass es mir gut geht. Weil es Omas immer darum geht: Zieh dich warm an, iss doch was, werde glücklich. Der Angsthase in meinem Kopf schämte sich, für all sein Misstrauen und seine Vorurteile. Und Oma? Die hat den Hasen trotzdem lieb, solange er sich warm anzieht.

 

 

 

 

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