Der letzte Tag

Heute heißt es Abschied nehmen: von Kollegen, Büro, Mikrowelle und einer ganzen Stadt. Ich versuche mich seit meiner Kündigung darauf vorzubereiten, aber am Ende ist ein letzter Tag auch immer ein wenig wie ein ganz normaler Tag – nur ohne Wiederkehr.

Vielleicht bin ich auch ein ziemlich harter Knochen, aber letzte Tage bringe ich immer gerne ganz schnell hinter mich. Eigentlich hat man sich ja schon viel früher verabschiedet – besonders innerlich. Mit jedem Abschied sinkt mein Wehmutslevel, was mir aber auch ein stückweit bestätigt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Und so rafft man sich noch einmal für einen Tag auf, bereitet ein Abschiedsfrühstück vor. Die Anlässe für solch ein kollegiales Beisammensein sind sonst Geburtstage, aber nun ist es anders. Glücklicherweise kreist mein Kopf nur um die Frage, ob ich genug Essen für alle besorgt habe. Sekundär ist eher die Frage, die mir unweigerlich einige Leute stellen: „Letzter Tag… wie geht es dir damit?“ Die Antwort ist heikel, denn in Jubelschreie kann man kaum ausbrechen, doch darf man nicht zu wehleidig wirken, sonst wird der Weggang hinterfragt. Ich rette mich zumeist mit der „lachendes und weinendes Auge“-Nummer. Was ich hier vermissen werde, ist recht überschaubar und dummerweise fällt mir als erstes der kleine Bioladen ein, der absolut nichts mit meinem Job zu tun hat, sondern nur dazu diente, mal was in der Mittagspause zu kaufen. Meine Kollegen waren auch sehr nett und am meisten mochte ich wirklich unsere Frühstückssitzungen (yeah! Wieder Geld gespart). Ich mochte die Tage, wenn ich ganz alleine im Büro war, manche Teilnehmer mochte ich auch, den Wind im Roggenfeld, ich mag das Schöne dieser Welt
Ich mag es wenn der Tag erwacht
Und die Sonne dazu lacht
Ich mag Plaudern am Nachmittag
Obstkuchen mit Schlag

Ok… ich drifte ab. Am Ende bleiben von 10 Monaten nur eine handvoll Eindrücke und das Gefühl, Erkenntnisse gewonnen zu haben, die absolut nichts mit diesem Job zu tun hatten (außer, dass man ihn nicht mehr machen will). In meiner Büroecke steht ein schwarzer Karton, meine Habseligkeiten sind darin: Kaffeetasse, Winkekatze, Foto in Bilderrahmen, all dieser Kram, der Schreibtischen Persönlichkeit verleihen soll. Der Karton ist gepackt und bereit. Ich denke an „Don’t look back in anger“, denn am Ende ist es immer so.

Und dann packt es mich plötzlich doch, nach allen Gesprächen, Umarmungen, Kuchenstücken und liebevollen Geschenken – da ist er: der Kloß im Hals. Ausgerechnet ganz am Ende, wenn der PC schon heruntergefahren ist und ich meine Schlüssel abgegeben habe. Die letzte Umarmung mit der Kollegin, mit der ich am engsten zusammengearbeitet habe. Nur sie weiß, warum ich wirklich gehe. Wir umarmen uns und ich bedanke mich für alles. Plötzlich meint sie, dass sie es toll finden würde, dass ich so konsequent war und gekündigt habe. Der Kloß wird größer. Schließlich sitze ich im Auto und fahre heim, schlucke den Kloß Stück für Stück herunter, bis er nur noch ganz klein ist. Auf dem Beifahrersitz liegen meine Abschiedsgeschenke, darunter ein Coffee-to-go-Becher mit dem Spruch „Wenn Abenteuer rufen, soll man sie nicht warten lassen.“

 

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