Das Lakritz-Experiment

Etwas zu ändern ist gar nicht so leicht – besonders, wenn die Veränderung nachhaltig sein soll. Deswegen muss man trainieren, eine besondere Herausforderung, wenn man Angsthase und Faultier in einer Person ist.

Egal, wie man es dreht und wendet, der Mensch ist ein Gewohnheitstier und fühlt sich selbst in einer vertrauten Unglückslage wohler, als in einer unbekannten Situation, die ihn von seinem Elend befreien könnte. Worauf ich diese These stütze? Schlichte Beobachtung. Die meisten Menschen meckern jeden Tag: der Job nervt, die Kollegen sind doof, in der Beziehung /Ehe läuft es nicht wirklich und überhaupt und sowieso. Es handelt sich dabei nicht um ein temporäres Phänomen, ein einzelner schlechter Tag, eine stressige Woche. Die Phase der Unzufriedenheit ist der Normalzustand geworden, weshalb man irgendwann selber, genervt vom Gemecker des Gesprächspartners, denkt: „Dann änder‘ doch was!“ Such dir einen neuen Job! Finde einen neuen Partner! Verdammt, zieh einfach weit weg, wenn es dir hier nicht passt, aber lass mich in Ruhe, denn meine Woche war auch nervig und du weißt ja gar nicht wie das ist, wenn die Kaffeemaschine kaputt ist und man den Montag am liebsten bis Freitag überspringen möchte. Ja, wirklich zufrieden ist niemand. Die erste Aufgabe muss also sein, vor der eigenen Haustür zu kehren, an der eigenen Unzufriedenheit zu werkeln.

Wer einmal versucht hat, nachhaltig etwas zu ändern, neue Wege einzuschlagen, weiß auf der einen Seite, des es sich lohnt, aber es viele Stationen bis dahin gibt, die anstrengend sind. Neu in einer Stadt zu sein, die neue Kollegin, die man plötzlich ist, fremde Menschen ansprechen, sich vorstellen, sich verlaufen und neue Wege merken – das alles passiert erst, wenn man alte Brücken eingerissen hat, was ich persönlich am schwersten finde. Denn alte Brücken sind vertraut, man kennt ihre Statik, wann sie schwanken und tragen, weiß, wo das Geländer rissig ist und selbst wenn die Brücke jeden Tag zum gleichen, traurigen Büro führt, gibt sie uns das Gefühl von Sicherheit.

Eines Abends lag ich bei meiner Oma auf dem Sofa und im Fernsehen lief irgendetwas Schreckliches, was von MEINEN GEZ-Gebühren produziert worden war. Zur Ablenkung oder Beruhigung hatte Oma mir eine Schale mit Haribo-Konfekt hingestellt (nein, Haribo sponsort mich nicht, aber meine sprachlichen Gewohnheiten reichen nicht zu einer „bunten Mischung aus Weingummi in Kombination mit Lakritz“). Ich bin ein Freund der Himbeeren und Frösche und sobald diese vernichtet sind, bleiben nur noch schwarze, lakritzige Überreste. An diesem Abend war ich jedoch ziemlich anarchisch unterwegs und entschloss ganz spontan, heute nur den Süßkram aus der Mischung  zu essen, den ich sonst nicht anrühre (man merkt, ich hatte wirklich sehr wenig für Omas Filmwahl übrig und musste mir irgendwie selbst eine sinnvolle Abendbeschäftigung herbeizaubern. Auf dem Sofa liegen und essen finde ich da ziemlich gelungen.). Mein erster Versuch war irgendetwas mit Kokosnuss, was nicht lecker war, aber mich überraschte. Bis dato hatte ich noch nicht einmal GEWUSST, dass es etwas mit Kokosnuss in der Mischung gab. Es folgt ein schlichter Klumpen Lakritz, der aber durchaus richtig lecker war. Dann kamen die Fledermäuse: Flügel aus buntgefärbten Weingummi und der Körper aus samtigen Lakritz – ein Hochgenuss! Mein Haribo-Experiment war somit mehr als erfolgreich ausgefallen: Ich hatte mich nicht nur einer neuen Erfahrung gestellt, sondern auch meinen kulinarischen Horizont nachhaltig erweitert, was ich Tage später im Kino merkte. Während ich mich nicht zwischen Chips und Popcorn entscheiden konnte, erblickte ich plötzlich Lakritzstangen! Die waren nicht nur unglaublich günstig, sondern auch richtig lecker.

Nachdem ich diese Erfahrung gemacht hatte, entschloss ich mich, noch mehr solche Experimente zu starten. Essen, was ich nicht kannte, war dabei eine leichte Übung, weil ich prinzipiell gerne esse und mich selbst eine schlechte Erfahrung, zumindest um eine Erkenntnis bereicherte (die Kokosbrocken haben absolut nix in der Haribo-Tüte verloren, so!). Kann ich dieses Prinzip nicht auf mein ganzes Leben übertragen? Kann mein Gehirn nicht daraus lernen? „Ach, klar ist ein Jobwechsel anstrengend, aber weiß du noch, als du die Lakritzfledermäuse gegessen hast? Das lief doch super!“ Der Trick müsste doch darin bestehen, das Haribo-Experiment systematisch auszubauen. Neue, zunächst harmlose Erfahrungen zu sammeln, die neue Brücken bauen, ohne alte einzureißen.

Da ich von der Idee ziemlich angetan und überzeugt war, sagte ich spontan zu, als meine Cousine fragte, ob ich beim LARP mitmachen wolle. Es handelt sich dabei um ein Live-Action-Role-Play, was in diesem Fall irgendwas mit Aliens und Angriff und den letzten Überlebenden zu tun hatte. Nach meiner Entscheidung fühlte ich mich richtig verwegen. „Siehst du,“ sagte mein Gehirn. „Wie mit den Fledermäusen. Jetzt brauchst du nur noch eine Ausrüstung, einen fiktiven Charakter und musst die anderen aus der Gruppe kennenlernen – easy,peasy.“ Das war der Moment, wo die Schweißausbrüche losgingen. Die Wochen darauf habe ich alle in meinem Umfeld, besonders meine Cousine, mit dem Thema genervt, das kam einer Gesprächstherapie gleich, bis irgendjemand zu mir sagte: „Wenn es dich so stresst, dann lass es doch!“ Ich dachte an Fledermäuse, dachte daran, dass die Alternative an diesem Abend ein schrecklicher Omifilm gewesen wäre, dachte an all die richtig großen Veränderungen, die ich noch anstrebe, biss schließlich in meine Lakritzstange und sagte: „Drauf geschissen, wo geht’s zur Anmeldung?“

 

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