Zwischen den Zeiten

Die ersten zwei Wochen auf meiner neuen Arbeit sind um und langsam füge ich mich auch ins WG-Leben ein. Es folgt ein Rückblick mit Statusmeldung und die Frage wird geklärt, welche Wirkung Opium-Pflaster haben (wer nicht warten kann: eine zu hohe!)

Ich schrieb über den letzten Tag, warum also nicht über den ersten? Ich muss gestehen, dass ich erste Tage immer wenig spektakulär finde. Meistens kann man den Abend vorher nicht schlafen, träumt davon, dass der Wecker zu spät klingelt und hat die ganze Zeit diffuses Sodbrennen (hilft dagegen eigentlich ein Opium-Pflaster?). Auch läuft der erste Tag stets gleich ab. Vergleichbar mit einer Familienfeier, wird man rumgereicht und allen vorgestellt. Gleichzeitig werden einen die verschiedenen Rollen erklärt: „Das ist Onkel Bernd, der verwaltet die Schlüssel.“ – „Das ist Cousin Sascha, der ist zwar recht launisch, aber wenn du mal ein Problem mit deinem PC hast, kann er helfen.“ – „Von Tante Gisela solltest du dich fernhalten, außer du brauchst mal einen offiziellen Stempel.“ Am ersten Tag ist man auf der Arbeit also mehr ein Beobachter, der bei Zeiten auch mal Statist spielen kann. Man versucht Beziehungen und Stimmungen zu erkennen, auszuloten, wo der eigene Platz sein könnte.

Der erste Tag wird auch einfach immer für unendlich viel Bürokratie und Formalia genutzt. Passwörter und Schlüssel werden vergeben, Unterschriften gesetzt, Accounts eingerichtet – wenn man Pech hat, dauert dieser Part eh eine ganze Woche. Gleichzeitig sollte man am ersten Tag vorsichtig mit einem Urteil sein, weil er emotional so aufgeladen ist, jede Menge Informationen auf einen einprasseln und man seit langer Zeit mal wieder richtig aufgeregt ist – da fällt ein objektives Urteil über die neue Arbeit schwer.

Dennoch beschlich mich nach meinem ersten Tag das Gefühl, dass es mir hier, in diesem neuen, kleinen, grauen Büro mit den neuen, ganz unterschiedlichen Kollegen, richtig gut gefallen könnte.

Mit jedem Tag wuchs dieses Gefühl. Ich fühlte mich seltsam angekommen, die Wege waren mir schnell vertraut (naja, so „vertraut“, wie jemanden mit dem Orientierungssinn eines Knäckebrots ein Weg werden kann) und merkte, wie in mir eine Ruhe einkehrte, die ich schon lange nicht mehr erlebt hatte. Meine neue Stelle hat nun einen Umfang von 60% und die neue Zeit nach der Arbeit, weiß ich sehr zu schätzen. Meine Tage haben nun eine andere Qualität, alltägliche Aufgaben, wie z.B. Kochen, machen mir wieder Spaß. Mit Erstaunen habe ich auch festgestellt, dass mein alter Job komplett aus meinem Gedächtnis verschwunden ist. Gerade zu Beginn vergleicht man automatisch, die alte mit der neuen Situation, was hier aber ausbleibt.

Ich weiß nicht, ob diese Ruhe nicht auf etwas mit meiner derzeitigen Wohnsituation zu tun hat, die schon etwas spezieller ist. Durch den schnellen Jobwechsel hinkt der Wohnortwechsel ein wenig hinterher, weshalb ich einen Monat in eine WG ziehen muss. WG klingt jetzt ziemlich jugendlich und bevor die ersten mir nun eine komplette Midlife-Crisis anrechnen, sei beruhigt: ich wohne im Haus meiner Schwiegeroma. Mitgekommen sind ein paar Habseligkeiten und meine Katze. Diese Situation schwankt zwischen anstrengend und drollig. Gerade durch die berufliche Veränderung sehne ich mich bei Zeiten nach meinen eigenen vier Wänden, nicht abends reden zu müssen, nicht einer festen Tagesstruktur zu folgen. Meine Schwiegeroma ist über 80, aber noch sehr rüstig. Manchmal hege ich den Verdacht, dass dies mit ihrem hohen Butterkonsum zu tun hat, in dessen Strudel ich auch langsam gerissen werde. Jedes Essen wird mit einer ordentlichen Portion Butter verfeinert. Der stolze Erfinder der „Bulletproof-Diät“ ist ein Kind von Traurigkeit im Vergleich zu meiner Schwiegeroma. Langsam finde ich jedoch einen Weg, dass wir uns mit dem Kochen abwechseln und Oma staunt nicht schlecht, dass ihr Basilikum, Tofu oder Granatapfelkerne richtig gut schmecken. Eine ganze Woche hat sie auch Sojajoghurt aus tiefster Überzeugung gegessen – ohne es zu merken. Und so wie ich ihr heimlich gesundes Essen unterschiebe, schmuggelt sie sicher ihre Butter in mein Essen.

Wir sind ein seltsames Gespann geworden. Abends schauen wir zumeist Tierdokus, weil das das einzige ist, was man im Fernsehen überhaupt noch schauen kann. Ich kannte diese Fernsehwelt dank Pay-TV gar nicht mehr und bin nun gezwungen meine Unterhaltungsblase zu verlassen. Es ist frostig draußen. Auch in Skandinavien, über diese Region habe ich nämlich schon sehr viel gelernt. Zum Beispiel, dass das Flughornweibchen aus seinem Kot im Maul ein „Parfum“ erstellt, was es an den Baum schmiert, um Männchen anzulocken. Das lasse ich jetzt einfach mal so stehen und jeder kann vor sich hinträumen, was diese Info in ihm macht. Gestern habe ich dafür aber auch ein Konzert von Lang Lang gesehen, was ich ohne eine Fernsehzeitung (ein total abgefahrenes Medium! Als Kind fand ich Fernsehzeitungen schon klasse, aber nun kann ich Rezepte (die besten Streuselkuchen) und nützliche Tipps (so hängt man Bilder am besten auf) auch wirklich gebrauchen) gar nicht entdeckt hätte (was für ein langer Einschub!).

Das who-is-who im Dorfleben habe ich immer noch nicht drauf. Täglich prasseln Namen und Geschichten auf mich ein, gerne auch in einer Wiederholungsschleife. Wer krank oder verstorben ist, wer wen betrogen hat, jemand der abbaut, andere die wegziehen und diese eine, die Opium-Pflaster verschrieben bekommen hat und dadurch ganz weggetreten war, was gar nicht so unangenehm war, weil sie so ein Drache ist.

Es ist eine generationsübergreifende WG samt Katze, die uns allen aber gut tut (ok, die Katze ist deutlich zu rund geworden). Obwohl man sich anpassen und einschränken muss, ertappe ich mich dabei, einfach wieder im „Jetzt“ zu sein und fast meditativ meinen Milchschaum zu betrachten (Schwiegeroma hat ein Faible für Kapsel-Latte-Macchiato, den wir hier exzessiv betreiben). Mein Nerv-Level hat sich in einen normalen Bereich eingependelt und so nehme ich auch die fünfte Variante der Opium-Pflaster-Geschichte geduldig hin. Diese innere Ausgeglichenheit ist noch nicht wirklich stabil, aber zum ersten Mal glaube ich, dass ich mich ändern kann, dass alles so wird, wie ich es gerne hätte.

Und so sitzen wir in der Küche am Tisch: Schwiegeroma, Herr Traumenit, Katze und ich. Über uns die Küchenlampe, draußen ist es dunkel. Im Ofen warten Süßkartoffelscheiben auf uns, aber wir sind so hungrig, dass wir schon Cracker mit Frischkäse und Aufstrich essen. Das Messer geht rum, Tomate tropft auf den Tisch, die Katze gähnt. Herr Traumenit und seine Oma reden über Opium-Pflaster und lachen. Im Hintergrund singt Moritz Krämer, dass wir nix dafür können. Ich schau‘ auf meine Mitbewohner. Das Hamsterrad – ich will nie wieder zurück.

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