noch 29 cm

Nein, es geht nicht um einen Schlagersong. „noch 29 cm“ ist ein Buchtitel, dessen Autorin mich ein wenig aus meinem Hamsterrad geschupst hat – und zwar höchstpersönlich (was sie vielleicht gar nicht weiß).

In meinem vorherigen Job hatte ich die eigentlich sehr schöne Aufgabe gehabt, mit der dortigen Buchhandlung Lesungen auszurichten. Am Abend, als die Lesung zu „noch 29 cm“ stattfinden sollte, hatte ich zuvor noch eine andere Veranstaltung, musste diese aber vorzeitig verlassen. Diese Tatsache nervte mich gewaltig, weil meine Aufgabe während einer Lesung eh immer nur darin bestand, Karten zu verkaufen (stets zu wenige), die Autoren anzukündigen (immer regional) und mich hinterher im Namen meiner Institution zu bedanken. Natürlich musste ich somit also anwesend sein, was meine Tage sehr lang machte. Obwohl ich ein ziemlicher Lesenarr bin, hatte ich nie Zeit oder Lust auch nur eines der Bücher zu lesen, was während der Lesungen vorgestellt wurde. Meist interessierte dieser Umstand nie jemanden oder ich merkte an, zu wenig Zeit für eine zusätzliche Lektüre zu haben.

An diesem Abend also hechtete ich von der einen Veranstaltung in den Buchhandel und fand Frau Marthiensen, die Autorin von „noch 29 cm“, vor. Natürlich sah sie nicht so aus, wie auf dem Autorenfoto, aber scheinbar scheinen sich Autorenfotos durch die Unähnlichkeit zum Original auszuzeichnen. Frau Marthiensen wirkte wie jemand, der frisch aus dem Urlaub kam, entspannt und erholt. Ich schaltete in den professionellen Small-Talk-Modus um, begrüßte zunächst die Autorin und entschuldigte meinen leicht gehetzten Eindruck mit der vorherigen Veranstaltung. Da es in dieser um die Zukunft der Region, in der ich arbeitete, ging, hatte ich auch einen guten Anknüpfungspunkt an das Buch. Schlau gemacht hatte ich mich darüber nur über Amazon und ein paar Rezensionen auf der Verlagsseite: Frau Marthiensen hatte es sich in den Kopf gesetzt quer durch Deutschland zu wandern, von Süd nach Nord, ohne Geld, alleine und mit einer sehr bescheidenen Kondition. Nach dieser Info verbuchte ich das mal in meiner Vorurteilsschublade unter „Ich bin dann mal weg – diesmal mit Frau“.

So schnöselig trat ich also vor Frau Marthiensen, referierte über die Veranstaltung und schaffte damit einen Bezug zum Buch: „Es sind ja alle irgendwie auf der Suche, wie sie ihre Zukunft gestalten können.“ Frau Mathiensen entgegnete: „Ach, Sie haben das Buch gelesen?“ Sie sagte dies ohne Argwohn, einfach freundlich interessiert. Ich an ihrer Stelle hätte mich selbst in die Schublade „Blöde-BlaBla-Tussi“ gesteckt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Frau Mathiensen nicht so denkt. Kleinlaut musste ich zugeben, dass ich ihr Buch nicht gelesen hatte und fühlte mich schrecklich ertappt. Dieses Gefühl wurde durch die Lesung nur noch schlimmer.

Frau Marthiensen schilderte auf sehr lustige und anschauliche Art ihren Weg durch Deutschland, der wenig elegant oder sportlich war. Im Gegenteil, es gab Momente, die andere sicher als Scheitern gewertet hätten. Teilstrecken wurden mit dem Auto zurückgelegt, Freunde ließen sie bei sich zwischenzeitlich übernachten und Frau Marthiensen wirkte in vielen Momenten nicht wie die toughe Wandersfrau, die sich selbstfindet, sondern unsicher, verletzlich – und unheimlich ehrlich. Die Lesung bestand aus Textpassagen und Fotos von der Wanderung. Zwischendurch gab es eine kurze Pause mit Getränken und Snacks. Mich hatte Frau Marthiensens Mut während der Lesung gepackt. Das unbestimmte Gefühl, nicht den richten Weg eingeschlagen zu haben, die Gewissensbisse, ein gutes Leben zu führen und trotzdem etwas anderes zu wollen. Und gerade hatte ich jemanden, der mutig aus seinem Hamsterrad getreten war (und zwar nicht auf Angsthasenart), ziemlich hamsterradmäßig abgefertigt. Also, versuchte ich – bewaffnet mit einem Fingerfoodspieß  – meinen Auftritt von vor der Lesung wieder gut zu machen. Mein Blabla nahm jetzt so ziemlich wirre und infantile Züge an und ich brabbelte irgendwas davon, dass mein Mann und ich ja auch einen Umbruch planen und übernachten im Wald „wie spannend“ und diese Tomatenspieße „echt lecker“. Dennoch wirkte Frau Marthiensen immer noch ziemlich entspannt und hörte mir sogar zu. Ich an ihrer Stelle hätte mir die Zahnstocher irgendwohin gerammt, um endlich meine Ruhe zu haben. Nach der Lesung kaufte ich ihr Buch. Erst einige Monate später las ich es jedoch.

Viele Passagen stimmten mich sehr nachdenklich. Hätte ich auch den Mut, einfach so aufzubrechen (nope) – würde ich anderen Menschen helfen, ihre Träume zu verwirklichen, obwohl ich sie nicht kenne (nope – fremde Menschen sind gruselig)? Beruhigend fand ich besonders, dass auch die Autorin vor ihrer Wanderschaft fröhlich in Schubladen gedacht hatte und auch sich selbst in so eine gesteckt hatte. Doch all ihre Erlebnisse hatten ihr geholfen, alte Denkmuster zu überwinden. Das erahnt man oft nur im Buch. Auf der Lesung erfuhr ich, dass Frau Marthiensen nach ihrer Tour ihre Wohnung aufgab, um in eine WG zu ziehen. Sie war nun sehr oft in der Natur und plante sogar, ihre Route noch einmal mit dem Rad zurückzulegen.

Ich habe nach der Lesung sehr viel an Frau Marthiensen gedacht – und war von meinem Verhalten rückblickend stets peinlich berührt. Es war ein Moment, in dem man merkte, dass man aber auch rein gar nichts von dem verinnerlicht hatte, was man eigentlich anstrebte. Doch je mehr ich über diesen Moment nachdachte, umso mehr verstand ich auch das Buch und den Wunsch, der dahinter steckte: das Leben zu genießen, freundlich zu anderen zu sein und egal, was andere sagen, einfach sein Ding zu machen.

Sollte ich Frau Marthiensen also noch einmal treffen, werde ich weniger brabbeln, mir mehr Zeit für einen Tomatenspieß nehmen und ihr recht herzlich für den realen und literarischen Schups danken.

  • Warum sollte man „noch 29 cm“ lesen?  Weil sich sicher schon die meisten fragen, woher der seltsame Buchtitel kommt.
  • Was lernt man? Wie man ein besserer Mensch wird – ohne große Worte und Gesten, sondern im Alltag.
  • Kaufen kann man das Buch hier.
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