Das Lakritz-Experiment – Teil 2

Stilecht kaue ich beim Schreiben dieses Beitrags auf einer Lakritzstange rum, die mir eine Freundin nach der Lektüre des ersten Teil des Experiments geschenkt hat.

Nach meinem WG-Leben wohne ich nun inzwischen fast zwei Wochen in vertrauter Runde (Herr Traumenit und Katze) in neuer Umgebung. Ich bin schon recht häufig umgezogen und habe daher eine gewisse Strategie entwickelt, wie man sich schnell einleben kann. Wo kann man essen, wie hoch sind die Kinopreise und welche Busverbindungen kann ich nutzen. Mein wichtigster Anker ist dabei der Büchereiausweis. Nun muss man aber gestehen, dass all diese Punkte wenig Interaktion und soziale Kompetenz erfordern (anschreien sollte man den Busfahrer trotzdem nicht, wenn er mal wieder ruppig anfährt und das halbe Frühstück im Gesicht landet – und komm‘ mir jetzt nicht mit: „Im Bus darf man auch nicht essen!“). Eine wirkliche Veränderung schaffen sie im Leben auch nicht, denn eine Bücherei ist eine Bücherei ist eine Bücherei.

Also habe ich mir dreimal ein Herz gefasst und Neues bzw. Halb-Neues gewagt.

Der Malkurs:

Natürlich war ich schon mal in einem Malkurs und das eigentliche Problem besteht auch nie in der Teilnahme. Ich gehe bei der Kurswahl eh auf Nummer sicher und suche mir stets Kurse an einer Volkshochschule aus. Das Verhältnis von Preis-Leistung stimmt und man trifft garantiert nicht auf überqualifizierte Hipster, die einen Fachvortrag über Bleistifte halten. Vielmehr ist hier stets eine hohe Frauenquote gepaart mit einem hohen Altersdurchschnitt, den ich dann ein wenig senke. Der weitere Vorteil ist, dass ich mir hier garantiert nicht die Probleme meiner Generation anhören muss, die alle irgendwas mit Arbeit und Nachwuchs zu tun haben. So reden Senioren über politisches Zeitgeschehen, Reisen und manchmal auch, wie es früher war („Früher mussten wir immer unsere Aquarelle im Töpferraum aufbewahren – war das ein Stress!“). Mit dieser freudigen Erwartung habe ich mich also bei einem Zeichenkurs angemeldet. Nun werden die ersten schon gedacht haben „VHS-Kurs – na, besten Dank auch!“, was wohl viele denken, da die Ausfallrate von VHS-Kursen doch recht hoch ist. So wurde auch mein Zeichenkurs abgesagt und nun saß ich da, mit spitzem Stift in der Hand, im kreativen Startloch, aber keine Anlaufstelle (und komm‘ mir jetzt nicht mit: „Aber man kann doch auch zu Hause zeichnen!“ – Nein, kann man nicht!). Nach einigem Gewühle im Internet entdeckte ich ein kostenfreies, offenes Malatelier – Kooperation mit der AG „Kreativität des Bündnisses gegen Depressionen“ (für alle offen). In diesem Moment rotierte mein inneres Hamsterrad und wirbelte alle Vorurteile kräftig auf. Darf ich jetzt nur in schwarz malen? Auch kleidungstechnisch? Tauschen wir uns vor Unterrichtsbeginn aus? „Ich habe hier meine zerrüttete Seele gemalt, die kleinen Flecken in Kotbraun stellen mein Selbstwertgefühl dar.“ So sei es! Du wolltest malen – nun geh‘ malen! Ich biss in meine Lakritzstange, raffte mein Zeichenmaterial zusammen und schlurfte zum Kursort. Völlig angepisst stellte ich vor Ort fest, dass ich bis in den dritten Stock klettern musste, um dieses Atelier zu erreichen. Na, so bekämpft man keine Depressionen! (Wir sind übrigens wenig später in ganz neue Räume ins Erdgeschoss umgezogen.) Oben angekommen stellte ich mich brav der Kursleitung vor (zwei Damen, eine jünger und bunter, die andere älter und gesetzter) und fragte, was denn so das Thema des Kurses sei. „Es gibt kein Thema, du darfst frei malen oder zeichnen was du willst“, die jüngere Kursleitung lächelte freundlich, aber innerlich wütete schon der Hamster in mir. Was für ein Larifari! Jetzt soll ich hier auch noch eigenständig kreativ werden… und gerade das fiel mir schwer. Ich kann kreativ sein, aber ich brauche jemanden, der mir ein Thema nennt, eine Aufgabe gibt, an der ich mich orientieren kann. Sowas wie ein Mal-Hamsterrad. Das offene Malatelier verwehrte mir dies jedoch und so suchte ich (innerlich schmollend) nach einem Motiv, bis mir die Zeichnung einer Hummel in die Hände fiel. Während ich so vor mich hin hummelte, erinnerte ich mich an eine total spannende Dokumentation über den Riesenkalmar und dass ich danach gedacht hatte, dass Tiefseefische eigentlich gute Motive wären. Hatte ich nicht auch mal einige Lostplaces in Aquarell gemalt, warum nicht jetzt mal mit Kreide – war das mit Kreide überhaupt möglich? Ein leises Klick – das Hamsterrad gab nach. Inzwischen bin ich sehr gerne im Kurs. Wir führen sehr tiefsinnige Gespräche, zum Beispiel über den Unterschied von Star Trek zu Star Wars. Manche Diskussionen sind auch heikel, weil wir uns nicht einigen konnten, ob Stiefmütterchen fünf oder vier Blütenblätter haben.

Der Sport-Kurs

Nicht nur für den Malkurs muss ich in den dritten Stock, auch meine neue Wohnung ist in luftigen Höhen. Mit jeder Stufe sagt mein Körper „Du musst mehr Sport machen“ – ein kleiner Teil flüstert „Investier‘ in einen Treppenlift!“

Vor drei Jahren hatte ich mal einen Yogakurs besucht, der meiner Beweglichkeit und meiner Körperhaltung sehr gut getan hatte. Diesen hatte ich allerdings abgebrochen, als mich die Yogaleiterin zwingen wollte, BARFUß Yoga zu praktizieren. Wo kommen wir denn da hin? Socken wurden ja nicht umsonst erfunden! Machen wir es kurz, auch der Yogakurs, den ich mir in der neuen Heimat ausgesucht hatte, wurde abgesagt. Letzte Chance Pilates – wird ja schon so ähnlich sein (Dies bitte NIE in Gegenwart echter Yoga- bzw. Pilates-Cracks sagen, schlimmer ist nur eine solche Aussage über Star Wars bzw. Star Trek.). Der Kurs findet in guter VHS-Manier in einem Kinderhort statt und wenn wir jetzt schon bei einem Klischee sind, können wir auch gleich die anderen auspacken. Die TeilnehmerINNEN waren alle samt älter als ich, nahmen schon sieben Jahre am Kurs teil, sahen aber in keiner Weise sportlich oder entspannt aus. Yeah, Jackpot! Hier kann ich entspannt ein wenig Dehnungsarbeit leisten und in großer Runde bei einem Chai-Latte immer anführen: „Also, Pilates hat mir echt was gebracht.“ Diese Großspurigkeit hielt exakt drei Minuten, denn schon während der Aufwärmphase begannen meine Muskeln zu zittern, was mir die Kursleiterin mit einem milden „Daran merkt man, dass die arbeiten“ erklärte. Ja hallo, waren die vorher im Ruhestand gewesen? Nun kamen einzelne Übungen, bei denen speziell auf die Atmung und das Power-House zu achten war. Das mag in der Praxis recht machtbar sein, in meinem Kopf klang es jedoch so: „In der Rücklage gehen wir nur zur Blumen-Position über, das rechte Bein wird gestreckt, dabei im Uhrzeigersinn gedreht, während der linke Arm das Knie der Faust umschließt, welche im Anschluss die Augenbraue im 60 Grad Winkel berührt – dabei atmen wir ein und aus, bei jeder dritten Primzahl mehr aus und achten auf das Power-House.“ Power-House! Check! Das heißt so viel wie „Bauch einziehen“. Die.Ganze.Verdammte.Zeit. In meinem House ist so viel Power wie man von einer verlassenen Gartenlaube erwarten kann, mein Atmen glich inzwischen einem sterbenden Wal, während um mich herum alle in göttlicher Anmut die Übungen ausführten. Oh, ich hasse euch alle! Mit ausgeleierter Joggingbuxe angewatschelt kommen und dann Dehnungen wie Kleinkinder hinbekommen! Wettbewerbsverzerrung! Gegen Ende der Sitzung versuchte die Kursleitung meinen power-homeless-Oberkörper in Richtung Zehenspitzen zu drücken: „Gegen Ende des Kurses kriegst du das hin.“ – Ich: „Das habe ich noch nie in meinem Leben geschafft!“ Ein mildes Lächeln der Kursleitung, sie wird mich brechen, ich weiß es. Sind das Tränen oder Schweiß unter meinen Augen? Nächste Woche geh ich wieder hin.

Der Spieleabend:

„Alles nix neues!“ – Stimmt, ein Kurs ist ein Kurs ist ein Kurs, selbst wenn man bei Zeiten eigene Vorurteile abstreifen muss. Damit war ich aber zumindest schon mal im richtigen Lakritz-Feeling und blieb neugierig stehen, als ich auf einem Streifzug durch die Stadt an einem Laden ein blaues Plakat erblickte. Es wurde zum offenen Spieleabend eingeladen. Ich schaute mir den Laden, an dem das Plakat hing, genauer an. Dieser war von oben bis unten mit Spielen vollgestopft, es gab eine kleine Theke zum Verkauf und im Laden noch drei Tische. Zudem wurden diese kleinen Figuren verkauft, die man selber anmalen kann, um dann mit ihnen zu spielen. Anmalen finde ich ziemlich cool, aber komplizierte Strategiespiele – nein, danke. Spieleabend würde aber mal eine echte soziale Herausforderung bedeuten, zumal ich mir die Klientel einer solcher Freizeitaktivität bildlich vorstellen konnte: eine Mischung aus dem Comicladenbesitzer aus den „Simpsons“, allen Nerds aus „Bing Bang Theory“ und ein paar verirrte Heavy-Metall-Seelen. Diese Spieleszene stellte für mich das Pendant zum VHS-Kurs dar: während dort alle weiblich sind, sind beim Spieleabend alle männlich. Betrete ich also zum Spieleabend den Laden, wird es plötzlich ganz still, alle starren mich an und irgendwo fällt klirrend eine kleine, halb bemalte Frodo-Figur zu Boden. Soweit meine Vorurteile, die inzwischen ein verlässliches Instrument sind, um zu erkennen, wann ein Lakritz-Experiment nötig ist. Und hier war es verdammt nötig. Daheim erzählte ich Herrn Traumenit von meinem Vorhaben, der die Idee so gut fand, dass er mit wollte. Gemeinsam machten wir uns also auf den Weg zum Spieleabend, befeuerten unterwegs unsere Vorurteile, bis unsere Schritte kurz vorm Ziel langsamer wurden. „Wir ziehen das aber schon durch?“ –„Klar!“ antwortete ich. „Aber wir können ja erst mal dran vorbeigehen…“ So schlenderten wir dumm glotzend an dem Laden vorbei, um unauffällig pfeifend am nächsten Buchladen Halt zu machen und dort die Auslage zu betrachten. „Das waren nur Männer!“ flüsterte ich panisch. „Weiß ich nicht, hab mich nicht getraut reinzuschauen.“ Verzögerungstaktiken helfen bekanntlich bei Lakritz-Experimenten wenig, also betraten wir am Ende doch den Laden, wo sich  – mal wieder – alle schon länger kannten. Die Frauen-Männer-Quote war zu meiner Überraschung ausgeglichen, hatte ich vor lauter Vorurteilen nicht richtig hingeschaut? Wir gesellten und zu einem Paar in unserem Alter, zu unserer Gruppe stieß wenig später noch ein fünfter Mann hinzu. Nun sollte es also losgehen: „Istanbul“ hieß das Spiel der Wahl – Typus: voll schönes Design, gepaart mit einer erschreckend langen Spielanleitung, unzähligen Karten, Steinchen und Würfeln. Der Anblick ließ mich Schwitzen. Mir sind schon manche Kinderspiele zu anspruchsvoll und während unsere Mitstreiterin die Regeln erklärte, trat ich Herrn Traumenit im Morse-Code-Stil unterm Tisch: „Es-ist-20-Uhr-mein-Kopf-kann-nicht-mehr-denken“. Mein Mann legte jedoch eine interessierte Miene auf und nur wer ihn kennt, wußte, dass gerade weißes Rauschen in seinem Kopf herrschte. Ich merkte, wie weit ich davon entfernt war, mich auf Neues einzulassen, dass von meinem üblichen Abendaktivitäten (Sofa + fernsehen) entfernt war. Ich merkte, wie diese Stimme in meinem Kopf alles klein redete und schlecht machte, was gerade um mich herum passierte. Und ich wußte auch, warum: Irgendwie fürchtete der Angsthase in mir sich bei diesem Spiel lächerlich zu machen und von den anderen nicht gemocht zu werden… All diese Sorgen und damit verknüpften Vorurteile waren am Ende aber überflüssig. Nach zehn Minuten hatte ich das Spiel in seinen Grundzügen begriffen. Zu meiner Erleichterung war keiner wirklich mit dem Spiel vertraut, aber dafür war der Spieleabend ja auch eigentlich da. Und so nahm der Abend seinen Lauf, es war wirklich lustig und hat Spaß gemacht – so, wie ich es in meinem Kopfkino nicht erwartet hatte. Experiment geglückt!

Und Herr Trauminet? Hat uns bei „Istanbul“ ganz schön abgezogen. Auf dem Heimweg gestand er mir, dass er kaum die Regeln verstanden hatte, wir anderen aber so bemüht waren, taktisch zu spielen, dass keiner auf ihn geachtet hat. Wenn es nicht so spät gewesen wäre, hätte man daraus eine tiefsinnige Analogie zum Leben ziehen können. So teilten wir uns einfach die letzte Stange Lakritz und gingen Heim.

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