Wenn das Vertrauen geht…

Pathetische Überschrift steht und trotzdem fällt es mir schwer, etwas zu schreiben.

Weil viel passiert ist: Sonne, Regen, verdammt – Schnee. Es wurden Eier gefärbt, Kaffee getrunken, Freunde besucht. Zu viele Filme habe ich gesehen, Bücher ausgeliehen, weggebracht. Und dann fiel der Motor aus.

Das ist keine Metapher und trotzdem bittere Realität, die zu viel Aufmerksamkeit eingefordert hat.

Elmo, unser Ford Reimo Camper, hatte sich in unser Herz geschlichen. Die Fahrten mit ihm fühlten sich wie die Ahnung eines neuen Lebens an, was nichts mit Büros, Terminen und bequemen Matratzen zu tun hatte. Dann fiel der Motor aus – während der Fahrt.

Was darauf folgte, war ein zähes Hin-und-Her zwischen dem Verkäufer und uns. Mails, unbeantwortete Anrufe führten schließlich dazu, dass wir Elmo zurück in die Werkstatt gaben, von wo wir ihn gekauft hatten. Dies war Ende des Jahres 2016 kein Problem, weil der Camper eh nur ein Saison-Kennzeichen hatte und über den Winter warm in der Werkstatt stehen konnte und noch einmal durchgescheckt wurde.  Problematisch war nicht nur der Ausfall des Motors, sondern auch eine defekte Standheizung und Rostblasen, die sich unter einer angeblich frisch lackierten Karosserie bildeten.

An dieser Stelle eine kurze Verbraucheraufklärung: Bei Kauf einer Ware ist der Verkäufer für einen bestimmten Zeitraum (mindestens ein Jahr) verpflichtet, dass die Ware ohne Mängel ist (die nichts mit Gebrauchsspuren zu tun haben). Er hat zweimal die Chance, eine Ware nachzubessern. Alleine, dass ich so etwas weiß, zeigt, womit ich meine Tage verbracht habe…

Nun nahte der April 2017 und wir nahmen Elmo wieder in unsere Obhut. Bereit für Abenteuer, fit für den Imbisswagen, schlafen in der Natur, Festivals – der Motor ging aus. Solche Momente sind nicht förderlich zur Beendigung eines Motivationstiefs und auch nicht, um an die Kompetenzen von Elmos Verkäufer zu glauben. (Nicht, dass ich ihn schon vorher für besonders helle gehalten hätte – aber das waren wir ja auch nicht, als wir bei ihm gekauft haben.)

Ich saß am Schreibtisch, als mich Herr Traumenit anrief. Er hatte mit Elmo die Werkstatt eines Freundes eines Freundes besucht und dort war der Wagen erstmal aufgebockt worden. Man nehme nun einen Hammer, echte Fachmänner, geringe Kraft und siehe da – Elmo rostete gerade unter unseren Ärschen weg. Und jetzt alle Schlaumeier gemeinsam: „Ja, warum habt ihr auch alleine Elmo gekauft?“ Das bisschen Würde in mir flüstert: „Weil wir zu viel Vertrauen hatten… Schlaumeier-Arsch!“

Vertrauen entsteht so: Der Verkäufer hatte eine Meisterwerkstatt, also eine Fachqualifikation. Ich gehöre zu den Leuten, die einer Fachkraft vertrauen, weil ich ganz stark davon ausgehe, dass ich von vielen Bereichen im Leben keine Ahnung habe. Wenn der Zahnarzt mir also sagt: „Ihre Zähne schimmeln weg, da müssen wir etwas tun.“, werde ich höchsten einen zweiten Zahnarzt fragen, aber nicht sagen: „ICH lebe seit 32 Jahren mit diesen Zähnen, ich werde ja wohl wissen, wann die wegschimmeln! Zumal ich weiß, dass Zähne gar nicht schimmeln können! Ha!“

Vor Elmos Kauf fand eine Hauptuntersuchung statt, die im ersten Anlauf fehlschlug. Zu viele Mängel, zu viel Rost. Anschließend besserte unsere Fachkraft nach und siehe da – Elmo erhielt die HU und den TÜV. Wieder vertraue ich in diesem Punkt auf eine Fachkraft (Prüfer) und den Wert eines TÜV-Siegels. Während ich das schreibe merke ich, wie lächerlich dieses Vertrauen ist. Das Internet ist voll von Berichten, wie Prüfer bestochen werden und HUs so viel Wert haben, wie mein Urteil als Zahnärztin.

„Das nächste Mal nehmt ihr noch jemanden mit, der Ahnung hat“, empfiehlt uns der Freund eines Freundes und man spürt sein Bedauern, was uns einen absoluten Anfängerfehler attestiert. Aber was heißt das? Brauche ich nun für jeden Fachbereich in meinem Leben einen Experten, den ich persönlich kenne und somit vertrauen kann? Ich kenne keinen Zahnarzt!! Ich kenne niemanden, der sich mit Waschmaschinen auskennt! Wer hilft mir, wenn das Licht im Kühlschrank wackelt? Muss ich mich durch YouTube-Tutorials quälen und zum Laienfachman für alles und nichts werden? Reichen die Amazon-Bewertungen oder sind diese nur erkauft? „Ich geh‘ dann mal!“ ruft mir das Vertrauen fröhlich pfeifend zu und da steh ich nun mit einem rostigen Camper und einer Handvoll Mails an den Verbraucherschutz und die GTÜ.

Das ist nicht die erste Erfahrung dieser Art. Ich habe schon in getarnten Schimmelwohnungen gewohnt, um meine Kaution gekämpft, schlechtes Essen serviert bekommen und miese Haarschnitte waren auch keine Seltenheit. Aber jedes Mal erfüllt mich mit Enttäuschung. Ich frage mich, ob ich besonders über-den-Tisch-zieh-geeignet bin, zu unkritisch bin, zu sehr vertraue. Vielleicht habe ich auch zu wenig aus all diesen Erlebnissen gelernt. Beim Camperkauf passe ich nun auf, aber vielleicht falle ich schon bei der Auswahl meines nächsten Shampoos mächtig auf die Nase.

Müssen wir uns betrügen, weil die Konkurrenz untereinander so groß geworden ist? Weil ein Billiganbieter den nächsten aussticht und ich – als Verbraucher –  dies gerne zu meinem Vorteil nutze?

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ – kein schlechter Ansatz. Ich schaue zu Elmo und meine, den Rost knistern zu hören. Ich weiß noch nicht, wie diese Geschichte ausgehen wird, ob wir das Geld zurückbekommen. Ich weiß auch noch nicht, ob „Autoverkäufer“  jemals von meiner „Nicht-Vertrauen-Liste“ gestrichen werden; gerade stehen sie hinter „Affen“.

Es klopft an der Tür. Vertrauen ist wieder zurück und grinst vor sich hin. Vertrauen stelle ich mir immer ein wenig debil vor, aber sie hat ein Ass im Ärmel. Ich erinnere mich an alle Fehlkäufe, Enttäuschungen. Vielleicht habe ich noch keine Vermeidungsstrategie entwickelt, aber ich weiß, wie man damit umgehen muss. Ich kann darauf vertrauen, dass am Ende alles doch noch auf die ein oder andere Art gut ausgeht. Und so beginne ich, einen Plan B zu stricken, kleiner und feiner als es Plan A war…

Wenn das Vertrauen geht… Teil 2

 

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