Viel zu früh…

Mehr Zeit – weniger Geld. Diese Rechnung geht erst dann auf, wenn man auf Dinge verzichtet. Manch Verzicht erscheint dann problematischer als er eigentlich ist – besonders für andere.

„Das hätte ich nicht gedacht…“, Schwiegeroma ist betroffen. „Das ist wirklich noch zu früh.“ Nein, es ist niemand gestorben, erkrankt, aber von uns gegangen: das Auto.* Vielmehr ist es „gegangen worden“, weil wir es verkauft haben. Was allgemeine Bestürzung in unserem Umfeld auslöste.

„Aber ihr hattet den Wagen noch gar nicht lange. Das ist nun wirklich zu früh.“ Ich fühle mich, als hätte ich den Weihnachtswelpen an einer Raststätte ausgesetzt. „Und wenn jetzt mal was ist?“ Schwiegeroma ist nun wirklich besorgt. „Was soll denn sein?“ – „Ja, keine Ahnung, Krankheit…“ – „Es sind genügend Ärzte in der Stadt und wenn ich richtig krank bin, fahr‘ ich eh kein Auto mehr.“ – „Ja, aber, wenn ich mal krank bin…“

Schwiegeroma wohnt auf dem Land. Richtiges Land, ohne Supermärkte, Ärzte oder Kneipen. Der nächste Arzt ist eine halbe Autostunde entfernt. Jetzt schaltet sich Herr Traumenit ein: „Ich fahr‘ doch nicht von uns zu dir, wenn du zum Arzt musst. Hätte ich auch mit Auto nicht gemacht.“ Was hart klingt, ist dem Umstand geschuldet, dass Schwiegeroma zwar auf dem Land wohnt, dort aber auch ihre Tochter, ein Enkel, ihr Neffe und sehr viele Freunde und Bekannte leben, die Schwiegeroma regelmäßig zum Einkaufen, Friseur oder eben zum Arzt fahren. Vielleicht war unser Auto aber besonders schön. Zum Arzt sind wir trotzdem nie gefahren.

Ich habe 31 Jahre meines Lebens ohne ein eigenes Auto verbracht. Da ich stets in einer Stadt gewohnt habe, war ein Auto nie nötig. Für längere Strecken haben wir uns eines geborgt oder sind Bahn gefahren. Habe ich ein Auto vermisst? Ja, schmerzlich. Einkäufe im Regen heimschleppen, zu Bushaltestellen rennen und all die unzähligen Minuten, die durch Verspätungen der Bahn entstanden sind. Ohne Auto wird man stets zum Mitfahrer, nie Beifahrer, wie das Kind, was fragt, ob es schon bald ohne Sitz mitfahren kann, „Natürlich, wenn du groß genug bist.“

Ein eigenes Auto gehört zum Erwachsensein dazu wie Versicherungen, Rechtsschutz und Baum pflanzen. Nur den Führerschein zu besitzen, aber kein Vehikel sein eigen zu nennen, ist doch irgendwie verdächtig. Also besorgten wir uns im letzten Jahr ein Auto, weil wir nun auch irgendwie ländlich wohnten und ich nur schwerfällig per Bus zur Arbeit kam. Endlich ein schützendes Dach vor Regen und Sonne. Keine Abhängigkeiten von Bus und Bahn. Doch diese freie Mobilität ist und bleibt ein teurer Luxus. Zwar kann man Sprit sparen aufgrund einer umsichtiger Fahrweise oder weniger Fahrten, aber Versicherung und Verschleiß bleiben konstante Größen. All dies war jedoch durch meinen vorherigen Job machbar. Auto und Job ergänzten sich, ohne das eine war das andere nicht möglich. Und so merkte ich recht spät, dass beides nicht zu mir passte. Ich entwickelte einen echten Groll gegen das Autofahren und dummerweise auch gegen Autofahrer, wozu ich ja selbst zählte. Halb ins Steuer beißend lauschte ich der höchsten Eisenbahn und während Moritz Krämer gegen das Landleben ansang, brannten sich diese Worte in meinen Kopf:

„Und ich fahr‘ nur noch mit dem Rad
Komm‘ doch mit
Wenn du magst
In die Stadt“

Es war der pure Trotz, der für mich aus diesen Zeilen drang. Also zogen wir wieder in die Stadt und verkauften das Auto. Kurz und schmerzlos. Jetzt fahr‘ ich nur noch mit dem Rad, fluche bei Regen und schwitze bei Sonne und fürchte ungeduldige Autofahrer.

Besuchen wir jetzt die Schwiegeroma, werden wir vom naheliegenden Bahnhof abgeholt oder fahren mit dem Bus. Insofern verzichten wir ohne Auto auch auf Flexibilität und Unabhängigkeit. Ist es das, was andere am Auto so schätzen? Den privaten Raum, den man nicht teilen muss, der einem zum Herrscher über Lenkrad und Radio macht? Andere nicht um Hilfe bitten zu müssen, weil einen das Auto autark macht? Ich konnte die Erfahrung machen (für die ich mich echt überwinden musste, weil auch ich in diesen Schubladen denke), dass einem selbst entfernte Bekannte bereitwillig ihr Auto leihen. Dass ich nicht weniger erwachsen behandelt werde, weil ich zerzaust am Schreibtisch sitze und mit Rucksack daherkomme. Das ist sicherlich abhängig vom Umfeld, aber warum sollten wir nicht dort leben, wo man so sein kann, wie man will? Aussteigen bedeutet Verzicht.

Es war eine Sache zunächst darüber nachzudenken und dann ganz praktisch zu verzichten. Alles in meinem Leben hat sich verkleinert: die Wohnung, die Finanzen, meine Möglichkeiten. Also strampel ich durch die Stadt, merke, wie mein Deo versagt und warum es eine blöde Idee ist, auf Handschuhe zu verzichten. Und ich strampel weiter und lasse noch viel mehr hinter mir. Ich habe aufgehört, Online-Magazine oder Artikel im Netz zu lesen. Infos, die ich zuvor in hohen Dosen konsumiert habe, ersetze ich nun durch Bücher oder Analog-Magazine, wenn mich ein Thema wirklich interessiert. Spotify kommt auch nur noch selten zum Einsatz, das Küchenradio reicht, obwohl es mich manchmal mit Jon Bon Jovi quält. Ich strampel weiter. Auch der Kleiderschrank ist weg, meine Klamotten hängen nun an einer Stange, so dass ich jeden Tag sehen kann, wie viel ich besitze und was ich nicht noch zusätzlich brauche. Wir schauen seltener Fernsehen, dabei waren wir echte Serienjunkies.

Ein großer Urlaub – ich habe nicht mal darüber nachgedacht, weil Wochenenden im Harz, bei der Familie oder daheim plötzlich reichen. Aussteigen ist eigentlich kein Verzicht. Es ist ein Umverteilen der Möglichkeiten, neue Werte werden geschaffen. Das klingt irgendwie bieder und riecht nach bürgerlicher Zufriedenheit (vielleicht riecht es so, wenn das Deo versagt…). Ich radel weiter, der Anstieg ist geschafft. Mal schauen, was noch kommt.

Was ist für dich Verzicht? Worauf könntest du auf keinen Fall oder ganz gut verzichten? Und welches Deo würdest du mir empfehlen?

*Das Auto war ein kleiner Twingo – also nicht mit Elmo verwechseln!

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