Ich bin ein Nichtsnutz

Eigentlich wollte ich über meinen Zeitwohlstand schreiben. Ich hatte sogar schon angefangen:

Während ich das schreibe, liege ich auf dem Sofa. Gerne würde ich das Lied von Judith Holofernes hören, was irgendwas mit Nichtsnutz zu tun hat. Das wäre so schön passend, aber dazu müsste ich aufstehen. Alternativ wäre auch Youtube möglich, doch dann hätte ich die CD umsonst ausgeliehen. Auf einer Feier erntete ich bei Zeiten noch Lacher, weil ich meine Freude über meine neue Büchereikarte kundtat. Keiner wollte glauben, dass es dort inzwischen Blue Rays, Graphic Novels und Games gibt.

Besonders freitags schlendere ich durch die Bücherei (eigentlich ist es MEINE Bücherei, weil ich ein regelmäßiger Mahngebührspender bin), lese einen Comic und suche neues Ausleihmaterial. Und während die ersten denken: „Kriegt sie Geld vom Bund für diese Werbung von öffentlichen Einrichtungen?“, ist anderen der Umstand aufgefallen, dass ich FREItags FREI habe. Jepp, ich habe eine Vier-Tage-Woche.

An dieser Stelle wusste ich aber nicht mehr weiter. Ich habe jetzt mehrere Tage über das nachgedacht, was ich eigentlich sagen wollte. Eigentlich wollte ich zeigen, wie sich ein Leben verändern kann, wenn man den Schritt aus dem Hamsterrad wagt. Was es bedeutet, Zeit zu haben. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, dass ich zu Ostern Karten gebastelt habe, dass es mir am Sonntag egal ist, ob eine neue Arbeitswoche beginnt, ich koche wieder und an manchen Tagen schlendere ich nur durch die Stadt. Sobald ich diesen Umstand aber ausformuliere, möchte ich mich sofort dafür rechtfertigen. Dann möchte ich weit ausholen, wie ich einst um 5 Uhr morgens aufstehen musste, um zwei Stunden zu meinem Praktikum zu fahren, die ersten Jobs in der Gastronomie, das berufsbegleitende Studium – eigentlich fühlt sich alles schlecht in mir, endlich Zeit zu haben, weil um mich herum alle hetzen und stressen. Zeit zu haben lässt einen aus der Zeit herausfallen, ich kann nicht mitreden über schlaflose Nächte, verplante Wochenenden oder fehlende Hobbys.

Zum ersten Mal fällt mir auf, wie freigiebig wir unsere Unzufriedenheit mitteilen, aber Zufriedenheit nur selten zur Sprache kommt. Wir befeuern uns gegenseitig mit Wettbewerben aus den schlimmsten Kollegen, den meisten Terminen und ersten Symptomen des nahenden Zusammenbruchs mit dem man so gern kokettiert. Die Schlafstörung, das zuckende Auge, Kopfweh – wir können es ausführlicher beschreiben als etwas dagegen zu tun. Dazwischen immer kleine Glanzlichter aus großen Urlauben, Events, Kaufen oder sonstigen Dingen, die uns glücklich machen. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass ich nun Zeit im Alltag habe und große Auszeiten gar nicht mehr brauche. Dass mir ein Buch reicht, um abzuschalten. Eigentlich wollte ich erzählen, dass meine Konzentration besser geworden ist.

Aber eigentlich habe ich Angst, wie eine Angeberin zu wirken. Wie ein fauler Nichtsnutz, der nicht mehr richtig arbeitet, nichts mehr leistet – zumindest nicht so, wie es sich gehört. Eigentlich wollte ich in diesem Zuge auch gleich noch sagen, wie zufrieden ich jetzt bin. Natürlich ist nicht jeder Tag voller Sonnenschein und Glitzerstaub – nicht, dass ich am Ende noch wie jemand ohne Sorgen rüberkomme! Wenn mich also jemand fragt, wie es mir geht und wie es läuft, merke ich zumindest an, wie schlecht das Wetter derzeit ist.

Denn Hand aufs Herz: Liegt man selber gerade mit Grippe im Bett, braucht man niemanden, der dir erzählt, dass ihm die Sonne aus dem Arsch scheint. Und man braucht dann erst recht niemanden, der Vorträge über das Immunsystem hält. Verstanden? Andere brauchen meine Ausführungen nicht, ich bin ein Nichtsnutz. Das klingt natürlich schöner, wenn Judith Holofernes davon singt und ich auf dem Sofa liege.

Herr Traumenit erwischt mich grübelnd auf eben diesem. Melancholisch teile ich ihm mit, dass sich niemand für Leute interessiert, denen die Sonne aus dem Arsch scheint – im Gegenteil, man solche Leute eher meidet und er murmelt nur: „Ich will grundsätzlich nicht wissen, was anderen irgendwo rauskommt…“

Eigentlich wollte ich dann noch ein wenig weiterjammern, doch Herr Traumenit unterbricht mich: „Warst du nicht nicht genau aus diesem Grund im Hamsterrad, weil dir zu wichtig war, was andere über dich denken? Hast du deswegen nicht Jobs und Abschlüsse erwirtschaftet?“ Verdammt, hier hatte doch tatsächlich einer den Blog mitverfolgt.

Und die Moral von der Geschichte? Freitags frei reicht halt nicht, um aus alten Denkmustern auszubrechen. Sonne hilft nicht gegen Grübeln. Aber eigentlich – kann das auch mal total egal sein.

Fühlst du dich auch schlecht, wenn du mal Zeit hast? Was ist ein sinnvoller Zeitvertreib? Und sollte sich die Moral einer Geschichte nicht reimen?

Advertisements