Im Club der Zeitmillionäre

Schon vor meinem Jobwechsel hatte ich mir das Buch von Greta Taubert als Inspiration gekauft. Der güldene Einband kam mir verheißungsvoll vor, noch mehr aber das Cover, auf dem die Autorin lächelnd auf einem Sofa liegt. Yeah, Sofa – spricht mich an. Warum also nicht vom Fight Club in eine etwas gediegene Gesellschaft?

Leider hatte ich jedoch nie Zeit (welch‘ Ironie!) das Buch zu lesen und kam erst jetzt, nach Umzug und Jobwechsel, zur Lektüre.

In dem Buch beschreibt Taubert ihr Experiment, ein Jahr zu entschleunigen. Ihr Verlag stellt ihr dafür ein Grundeinkommen zur Verfügung und so beginnt eine heitere Reise durch die Welt der Aussteiger, Zeitpioniere und –millionäre.

Zeitpionier: Wer mit der Zeit anders umgeht, ist ein Pionier, der weniger besitzen muss, weil er die Zeit zu seinen Besitztümern zählt. – Aus: Im Club der Zeitmillionäre

Soweit die Zusammenfassung. Da dieser Blog nicht „Heiteres aus der Welt der Bücher“ heißt, erspare ich uns allen mein Gejammer um Tauberts literarischen Auswüchse, die oft vom Kern ablenkten.

Vielmehr soll es ja darum gehen, was dieses Buch einem Angsthasen geben kann. Zunächst fröhliche Stunden des Meckerns. Wenn über Zeit, Aussteigen, Druck, Freiheit und Alternativen gesprochen wird, fehlt zumeist ein entscheidendes Wort: Privilegien. Keiner im Club der Zeitmillionäre kommt ohne akademischen Abschluss daher (und zwar mindesten in zweiter Generation), keiner geht oder ging einem Ausbildungsberuf nach. Und wirklich KEINER steigt ohne Startkapitel aus dem Hamsterrad. Wenn mir also bitte jemand den 19-Jährigen Tischler zeigen würde, dessen Eltern Koch und Krankenpflegerin sind, der nach der Lehre sagt: „ Das war ja alles nett, aber das System engt mich ein, ich möchte lieber in Teilzeit arbeiten, damit ich Zeit habe, mein Gemüse selber anzubauen.“, dann wäre ich sehr dankbar.

Der Angsthase in mir wäre ohne sein flauschiges Privilegien-Fell gar nicht auf die Idee gekommen, das Hamsterrad zu verlassen. Vielleicht wäre er ja auch nie unzufrieden geworden!

Ein großer Teil der Gesellschaft kann es sich eben nicht leisten, Grenzen und Standards zu überwinden, weil es kaum Alternativen und Stützen gibt.

Da diese thematische Lücke aber wohl Teil der Aussteiger-Thematik ist, las ich zähneknirschend weiter, um mich nach jedem Absatz zu beschweren. Und dann kam das letzte Kapitel. Ein ganzes literarisches Jahr hatte ich mit Frau Taubert verbracht, sie begleitet und die ganze Zeit gehofft, die ultimativen Erleuchtung zu erhalten, um irgendwie güldend-strahlend auf meinem Sofa zu landen – als Zeitmillionärin.

Das letzte Kapitel war aber vielmehr eine Alltagsepisode, ein Spiel mit Kindern und statt der Erleuchtung stellte sich Ruhe ein. Mit 11 oder 12 hatte ich „Sophies Welt“ gelesen und während des Lesens angefangen, Notizen dazu zu machen (klingt das jetzt nur für mich, wie eine verdammt traurige Kindheit?!). Dies hatte ich lange Zeit beibehalten und dadurch eine Menge an Buchzitaten gesammelt. Diese Tradition ging jedoch irgendwann im Zeitmangel unter, ebenso wie mein Pensum an gelesenen Büchern.

Mit Tauberts letztem Kapitel holte ich also wieder das Notizheft zum Vorschein und schrieb mir wichtige Passagen heraus. Am Ende hatte ich eine Art Best-of und eine Sammlung an Autoren, die Taubert zitiert hatte.

Fühlt sich so ein Zeitmillionär, der sich im Detail verlieren kann? Keine Ahnung. Denn das macht Taubert ganz deutlich: Jeder muss sein eigener Zeitpionier werden. Für einen Angsthasen ist dies ein enttäuschendes Fazit. Ich hatte mit Kauf dieses Buchs gehofft, eine Anleitung zu erhalten. Eine literarische Hand, die mich aus dem Hamsterrad führt. Die Erleuchtung im Sinne von: „Uns geht es allen so wie dir. Du bist nicht allein und deswegen zeige ich dir den Weg ins gelobte Häschenland.“ Doch am Ende liege ich doch alleine auf dem Sofa, denn ein Buch ist immer nur ein Buch.

In der Vergangenheit habe ich genügend gelesen, wo sicher mehr Weisheiten versammelt waren als im Club der Zeitmillionäre. Film, Lieder, große Zitate – nur gesammelt in einem Notizbuch, aber nicht verinnerlicht. So beschäftigt man sich über Jahre immer mit den gleichen Themen, sammelt Lesestoff wie ein Eichhörnchen, vergräbt die Schätze und vergisst sie dann. Warum sollte es diesmal anders sein? Warum sollte ich diesmal auf all die schlauen Sätze hören, die ich gesammelt habe? Weil viel passiert ist. Manchmal passiert so viel, dass man es eben nicht mehr lächelnd auf dem Sofa aushält:

There comes a point in your life when you need to stop reading other people’s books and write your own. – Albert Einstein

So habe ich dann am Ende doch noch etwas gelernt. Ich gründe meinen eigenen Club – natürlich mit exklusiven Sofas.

Wer sollte es lesen? Wer nicht so gerne meckert wie ich, hat hier einen guten Anriss, wie man alternativ seine Zeit gestalten kann.

Was bringt es? Eine neue „Muss-ich-noch-lesen“-Liste – was mich irgendwie stresst… schnell auf’s Sofa!

Und hier kann man es kaufen.

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