Die Leiden des jungen Meiers

Es geht mal wieder um Papierkram. Diesmal: das Gesundheitszeugnis.

Micheal Meier war ein ganz normaler Angestellter für einen ganz normalen Lebensmittelhersteller. Doch ein ungekühltes Dessert sollte sein Leben verändern… (dramatisch Musik setzt ein) Zunächst wurde Micheal nur leicht schwindelig. Lag es am Wetter? Hatte er zu wenig getrunken? Plötzlich setzen heftige Bauchschmerzen ein. Michael krümmt sich, die Kamera schwankt, das Bild wird verzerrt. Im Kommentar wird Michael erklären, dass er sich erbrechen musste und (eine kurze peinliche Pause) auch Durchfall hatte. Ob das vor Ort oder erst daheim passierte, wird im Nebel gelassen.

Willkommen bei der Gesundheitsschulung! Während ich in einem – sagen wir mal – „Schulungsraum“ mit drei anderen sitze, beschleicht mich das ungute Gefühl, Michael zu kennen. Nein, leider nicht persönlich. Wie verrückt wäre das denn? Aber irgendjemand muss Michael Meier ja kennen.

Erzählt er heute noch nach der ersten Flasche Wein, wie er seine ersten Gehversuche im Schauspiel machen wollte und dann dieses Angebot für einen „Ausklärungsfilm“ erhielt? „Ich dachte wirklich, es wäre für eine gute Sache! Ich hab‘ mich sogar extra mit Magen-Darm anstecken lassen, damit ich die Rolle authentisch rüberbringe!“ Die erste Flasche Wein ist leer, wirklich gute Freunde kennen bereits den Monolog, der nun folgen wird. „Das Skript war ganz anders und schaut was sie daraus gemacht haben! Das Licht, die Kamera, einfach alles!“ – „Michi, du solltest das mit dem Wein jetzt mal lassen..“ – „Wisst ihr wie oft ich auf diesen Film angesprochen werde?! Ich finde keinen Job beim Theater deswegen!“ – „Das könnte auch am Alkohol liegen.“ – „…! Dieser Film war der Tod für meine Karriere!“

Michael hatte zuvor erfolgreich beim Schülertheater Jim Knopf verkörpert, was jedoch abgesetzt wurde, weil das blackfacing selbst der kleinen Lokalpresse und den Bürgern übel aufstieß. Zu der Zeit gab es einen großen Kinderschminke-Skandal. Man hatte Rückstände von Salmonellen in der Schminke gefunden. Die Gesundheit der Kinder ginge vor, hieß es damals in einer Stellungnahme der Schule.

Ja, ich kenne Michael, denn 15 Jahre zuvor hatte ich dieses Machwerk schon über mich ergehen lassen, um ein Gesundheitszeugnis für meinen damaligen Kellnerjob zu ergattern. Da ich aber mein Originalzeugnis nie vom Arbeitgeber zurückgefordert hatte, musste ich nun ein neues erstellen lassen, samt Meisterwerk der Hygieneaufklärung. Zuvor hatte mir eine Dame einen Zettel zum Durchlesen gegeben und nachdem ich stark nachdenken musste, wann ich das letzte Mal Cholera hatte, stolperte ich über das Wort „ungeformt“. Damit man den Kontext versteht: Es ging um „ungeformten Stuhl“. Der Volksmund nennt das Durchfall und mein Germanistenherz kringelt sich jedes Mal vor Freude, wenn es das Wort „Durchfallquote“ hört: „Beim Mathetest gab es eine hohe Durchfallquote.“ Ach, ja…

Dennoch machte das keinen Sinn für mich. Wie konnte denn etwas keine Form haben? Selbst wenn da nun ein Haufen Matsche liegt, hat es dennoch die Form eines Haufen Matsche. Ich machte die Dame vom Gesundheitsamt auf diesen missverständlichen Wortlaut aufmerksam. „Haben Sie etwa ungeformten Stuhl?“ –„NEIN!! NIEMALS! Es geht doch eher um die Formulierung…“ – „Aha…hier unterschreiben, dann macht das 26 Euro.“ Abschließend darf man den Film schauen. Genau wie vor 15 Jahre merke ich mir nur, dass man Händewaschen soll (immer!) und der Protagonist Michael Meier heißt.

Achtung, Spoiler-Gefahr!!

Der Film endet mich Michaels Genesung. Gott lob, ist er kein Dauerausscheider. Vielleicht sollte darüber mal jemand einen Film machen.

„Es war ein ganz normaler Mittwoch als sich Michaela Schmidt auf den Weg zur Arbeit machte (fröhliche Musik setzt ein), als plötzlich…“

Merke:

  • Das Gesundheitszeugnis ist für jeden wichtig, der Lebensmittel verkaufen, anbieten oder zubereiten möchte.
  • Beantragen kann man es beim zuständigen Gesundheitsamt.
  • Für den Tag der Schulung muss man seinen Ausweis und 26 Euro (oder was immer verlangt wird) mitbringen. Das Geld sollte in bar bezahlt werden, weil viele Ämter kein EC-Kartenlesegerät haben.
  • Das Zeugnis ordentlich aufbewahren! Nur das Original zählt für einen Prüfer.
  • Immer Hände waschen!
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