Wovon wir alle träumen

Die Reaktionen auf die geplante Selbstständigkeit laufen sehr gemischt ab. Und ehe man sich versieht, kommt man in Erklärungsnot…

Als Geisteswissenschaftler ist man diese Frage eigentlich gewöhnt: „Und was kann man jetzt damit machen?“ Rückblickend konnte ich sehr viel beruflich mit meiner Studienwahl (Germanistik, Philosophie und Kulturmanagement) reißen, doch während des Studiums packte mich oft die nackte Angst, ob ich jemals einen Job finden würde, der über „Kaffee-verkaufen“ hinausgehen würde (hier bahnt sich die Ironie des Schicksals an). Für einen Angsthasen war mein Studium also das denkbar schlechteste Fundament. Trotzdem stand es für mich einfach sehr früh fest, dass ich Philosophie studieren würde. Warum? Weil ich es wollte. Und obwohl ich später diesen Willen fast verloren hatte, dass zu tun, was mir liegt, konnte ich hier eine wichtige Erfahrung sammeln: All meine Ängste waren umsonst gewesen.

Richtig konservieren konnte ich dieses Gefühl jedoch nicht, aber der Angsthase in mir hat es nicht vergessen. Vielleicht denkt er manchmal daran zurück, wenn er sich vor der Selbstständigkeit fürchtet, seine Münzen zählt und sich ausmalt, was andere dazu sagen könnten. Vielleicht erinnert er sich dann, dass wir auch das Studium überstanden haben.

Erzählt man nun Freunden und Bekannten von den Plänen zum Reisegewerbe, sind die Reaktionen doch überraschend. Mit Feuereifer werden gemeinsam Pläne geschmiedet, Tipps gegeben und Hilfe angeboten. Inzwischen gibt es ein ganzes Imperium an Hilfskräften, die Lust haben, bei uns im Imbisswagen zu helfen. Während wir alle in unseren theoretischen Berufen verharren, Kopfarbeit leisten, scheint für alle plötzlich der Platz hinter den Tresen attraktiver als manch Bürostuhl. Ein Imbisswagen ist greifbarer als der kategorische Imperativ.

So bauen wir gemeinsam Luftschlösser, denn das sind die Pläne noch, wenn man Bekannten davon erzählt. Aus alles Wolken fallen dann die meisten, wenn man vom Gewerbeschein, Führungszeugnis und der Metro-Karte erzählt. „Doch schon so konkret?“ ist dann die Reaktion. Ein Bekannter fasste das mal so zusammen: „Wir habe doch alle mal von einem Cafè oder einer Fahrradwerkstatt geträumt.“ (Nichts für ungut: Aber von einer Fahrradwerkstatt habe ich wirklich noch NIE geträumt. Kätzchenzucht – definitiv, aber Fahrräder reparieren…).

Eine ganze Wohnsiedlung an Luftschlössern mit Kaffeemühlen, Kettenschmiere und Muffins schwebt über uns, auf ewig dazu verdammt, seine Bahnen um unsere Köpfe zu ziehen bis sie verblassen. Nicht falsch verstehen, manche Träume gehören auch ins Nirvana. Verschroben genug, wäre eine Kätzchenzucht für mich der direkte Weg gewesen, wie die Katzen-Lady aus den Simpsons zu werden. Vielleicht sollten wir also eher schauen, was übrig bleibt, wenn ein Traum platzt. Was ist der Kern? Vielleicht wollte man Austronaut werden, weil man etwas entdecken möchte oder viele Tätigkeitsfelder abdecken möchte. Und vielleicht steht die Fahrradwerkstatt einfach für den Wunsch, anderen Menschen zu helfen, wenn diese gerade mal wieder einen Platten haben. Mein jetziger Job deckt sich mit diesen vagen Wünschen, etwas Sinnvolles zu tun, was anderen Menschen hilft. Dennoch ist da auch immer dieser Drang, etwas Eigenes aufzubauen, etwas, wo ich meine Kopfarbeit mit meinen Händen umsetzen kann.

Obwohl der Angsthase in mir das Risiko fürchtet, ist da nun eine neue Angst, dass auch ich nur ein Luftschloss baue, mir die Puste ausgeht und ich mich in die lange Reihe derer einfüge, die im Cafè sitzend davon faseln, was sie alles besser machen würden, wenn sie ein eigenes hätten. Doch zum ersten Mal bin ich froh um die Befürchtungen, weil sie mich antreiben.

Und dann war da noch meine Oma, die meine Schwester unter vier Augen ins Gespräch nahm: „So ganz habe ich das mit dem Imbisswagen noch nicht verstanden. Warum machen die das jetzt?“ Und wo ich mich in Erklärungsversuchen verheddere, antwortete meine Schwester ganz schlicht: „Weil sie es wollen.“

Obligatorische Fragen, die zum Kommentieren animieren sollen (oder nachdenken…): Was ist dein Traumberuf? Was möchtest du werden, wenn du groß bist? Und welches Gemüse magst du gar nicht?

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7 Kommentare

  1. Alex sagt:

    Lehrer für irgendetwas, bin ich schon und Artischocken! (BÄH!)

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    1. Aber die armen Artischocken!!

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  2. Carla H. sagt:

    Traumberuf wäre professionelle historische Fechterin! Was ich werden möchte? Elektrotechnikerin.
    Alles mit A! Artischocken, Avocado, Auberginen… Und Zucchini! (kein A, egal)

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    1. Was haben nur alle gegen die arme Artischocke… Fechterin würde ich so toll finden!

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  3. einglueck sagt:

    Ich finde den Imbisswagen als Traumberuf gar nicht so schlecht. Ich bin als „Marktkind“ aufgewachsen und fand das toll. Ich sehe aber auch, dass das mit zunehmendem Alter für meine Eltern immer schwieriger wird.

    Auf jeden Fall habe ich dadurch gelernt, gerne zu verkaufen. Und das ist etwas, was man überall brauchen kann. Deswegen ist der Traumberuf vielleicht tatsächlich „Vertrieb“, was ziemlich nah an dem ist, was ich jetzt mache. Wenn ich mal groß bin möchte ich Vertrieb für etwas machen, was die Welt zu einem besseren Ort macht.

    Mir fällt tatsächlich kein Gemüse ein, was ich nicht mag. Ich denke nochmal scharf nach…. Ne. Ich mag alles.

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    1. Ich finde den Gedanken auch schön, Menschen etwas geben zu können, was sie glücklich macht. Zum Glück bist du nicht auch ein Artischocken-Nicht-Möger 😉

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      1. einglueck sagt:

        Ne, ich bin ein Artischocken-total-gerne-Möger. Wobei ich fürchte, es liegt schon seit Ewigkeiten eine im Kühlschrank, die langsam mal den Weg Richtung Kompost antreten muss, weil ich nie dazu gekommen bin, was aus ihr zu machen…

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