Sport ist Mord

Das Thema „Verzicht“ ist bei mir immer irgendwie ein Dauerbrenner. Nicht, dass ich ein konsequenter Verzichter wäre, vielmehr bin ich ein kreativer Regelaufsteller. Fleisch kaufe ich nicht, esse es aber, wenn es zum Beispiel Braten bei Oma gibt. Würde mir jemand einen Burger schenken, würde ich diesen auch essen – eine Situation, die aber höchst selten passiert. Ich habe auch mal ein Jahr auf den Kauf von Klamotten verzichtet – zumindest neue, gebrauchte von Kleiderkreisel waren erlaubt, ebenso fünf neue Teile meiner Wahl. Auch plastikfrei wollte ich leben, bin dabei aber einer Plastikparanoia verfallen, aus der mich keine noch so kreative Ausnahme-Regel retten konnte. Nun kaufe ich einfach so oft wie möglich plastikfrei, verzichte aber konsequent auf To-Go-Becher.

Verzicht hilft nicht nur, sich darüber klar zu werden, was wirklich wichtig ist. Oft spart man auch jede Menge Geld, welches derzeit wichtig für das „Projekt Egel“ ist (ich sollte den Namen wirklich mal ändern…). Also habe ich mir überlegt, dass mein Pilateskurs zwar eine nette Sache ist, aber auch Kosten verursacht, die ich durch Sport daheim oder klassisches Joggen umgehen könnte. Gedacht, gemacht. Also, schnürte ich heute meine Joggingschuhe (übrigens – auch bei Kleiderkreisel erworben)…

„Sorry, wenn ich unterbreche, aber könntest du die Geschichte bitte richtig erzählen?“ Angsthase nimmt einen großen Schluck Kaffee und rückt seinen Zylinder zurecht. „Ah, heute so schick…,“ ich räuspere mich. Angsthase tippt an den Hut: „Du kennst doch sicher diese Grille aus Pinoccio.“ – „Jaaaha…“ – „Dann weißt du ja, was ich will.“ – „Ist das ein Nikotin-Pflaster?“ (der Angsthase hatte beim letzten Mal ja ein „leichtes“ Nikotinproblem.) „Ich kann gerne erzählen, wie es beim letzten Mal im Pilateskurs war. Also…“ –„Stopp!! Ok, ok… ich erzähle alles, aber nun troll dich!“

Wo war ich? Das Thema „Verzicht“ ist bei mir irgendwie ein Dauerbrenner. Auf manche Dinge kann ich allerdings sehr gut verzichten. Zum Beispiel Sport. Würde die Wissenschaft ein Mittel erfinden, was mich gesund und fit hält, während ich auf dem Sofa liege, wäre das der beste Tag in meinem Leben. Leider ist aber die Wissenschaft eher mit so nutzlosen Dingen wie Solarenergie, Mittel gegen Krebs und Rettung von aussterbenden Arten beschäftigt, so dass ich kaum auf dem Sofa bleiben kann.

Im Gegenteil: Herr Traumenit hatte mir im dritten Jahr unserer Beziehung angedroht, er würde mich sicherlich nicht im Rollstuhl später durch die Gegend fahren, nur weil ich es in meiner Jugend versäumt hatte, etwas für meine Gesundheit zu tun. Pah! Einzig der Demografische Wandel ließ mich über diese Drohung nachdenken. Wenn ich also mit 60 schon so schlapp wie eine 100-Jährige wäre (und zwar nicht eine, die noch aus dem Fenster steigen könnte), würde nicht ein knackiger 20-Jähriger mein Pfleger werden sondern – oh, Gott!! – ein 70-Jähriger, der seine kleine Rente aufbessern muss.

Seither bemühe ich mich, stets irgendwie meinen Bewegungsradius von Sofa-Klo-Kühlschrank zu erweitern. Was uns zum Pilates zurückführt. So lang ich dort letzte Woche wieder auf der Matte, machte den Schwimmer, das Messer und die Schlange und merkte, wie sich mein Power-Haus mit Wut füllte. Ich gehöre sicherlich zu den wenigen Menschen in der Welt, die bei Pilates wütend werden, aber dieses Gefühl verdarb mir den gesamten Abend. Und für diese Quälerei soll ich dann auch noch Geld ausgeben? Innerlich hatte ich schon gekündigt. Als Alternative kehrte ich zum Joggen zurück, was ich während meiner Zeit in Bayern schon praktiziert hatte. Um frei aus „Jenseits von Eden“ zu zitieren: Man macht aus meinem inneren Schweinehund kein Rennpferd, aber ein schnelles – naja, schnell für meine Verhältnisse – Rennschwein.

Herr Traumenit staunte also nicht schlecht, dass ich ihn wieder beim Joggen begleiten wollte, war aber weniger überrascht, ob der Stimmung, die ich dabei verbreitete. Hat jemand schon einmal Kinder beim Umziehen beobachtet, wenn die so richtige Kacklaune habe? Stampfend presste ich mich in die Laufhose, suchte lautstark ein passendes Paar Sneakersocken, fand aber nur zwei Socken in unterschiedlichen Farben – ach, drauf geschissen. Als ich mein Shirt wechseln wollte, fiel mir dann auf, dass ich mein BRANDNEUES (naja, Kleiderkreisel-neu) T-Shirt von Cowboy-Bebop mit Kaffee eingesaut hatte. Bei Zeiten bin ich nämlich komplett unfähig aus meinen tollen plastikfreien To-Go-Bechern Kaffee ohne Kleckern zu trinken. So auch an diesem Tag – ach, drauf geschissen. Warum sollte ich mich nicht so zum Sport kleiden, wie ich mich fühlte?

Da stand ich nun: ein blauer und ein grüner Socken, meine kreideweißen Waden und in einem fleckigen Shirt. Gekrönt wurde das Ganze nur von meinem pissigen Gesichtsausdruck und einem alten Klebetattoo am Knöchel, welches zu guten Zeiten mal eine Wassermelone dargestellt hatte, aber jetzt aussah wie ein widerliches Ekzem. Joggingwelt – ich bin bereit.

Mit Kopfhörern joggte ich also meinem Mann hinterher und während Olli Schulz noch voller Elan „So muss es beginnen‘“ sang, bemerkte ich mit einem Blick nach unten, dass die Kaffeeflecken auf meinem Shirt genau auf Schritthöhe waren. Dies teilte ich sofort Herrn Traumenit mit (ich muss mein Elend immer teilen), nur weniger charmant in Worte gekleidet. Herr Traumenit teilte mir dann erstmal mit, dass ich aufgrund meiner Kopfhörer ganz schön schreie, was auch erklären würde, warum die Fußgänger vor uns auch in ein Lauftempo verfielen. Zu meinem Vorteil hatte ich eh schon einen hochroten Kopf (und Seitenstiche), so dass mein Schamgefühl gar nicht so auffiel.

Für meinen Joggingtripp hatte ich mir ein musikalisches Intervalltraining überlegt (als könnte ich am Stück längere Zeit joggen – ha!): ein Lied laufen, ein Lied pausieren. Während des Laufens versuchte ich mich an Herrn Traumenits Fersen zu heften und erhielt eine Ahnung davon, wie das Leben sein könnte, wenn man schnell laufen kann.

„Ich bin schon fast so schnell wie du“, japste ich (nicht ohne Stolz). „Eigentlich laufe ich sonst schneller“, war die Antwort, die ich mit einem „Angeber!“ quittierte (vielleicht war meine Antwort auch ein Schimpfwort…).

So lief und pausierte ich, während ich mir langsam ziemlich klar wurde, bald zu sterben. „Rollst du mich dann in den See, damit ich die Schande nicht ertragen muss?“ brachte ich in einer Laufpause meinem Mann entgegen. „Ich verspreche: Dich wird keiner finden.“ Notiz an mich: Herr Traumenit sollte kein „4 Blocks“ mehr schauen.

Laufen aka Joggen aka bei Schritttempo die Arme so schnell schwingen, dass es wie Joggen aussieht – das alles macht mich übrigens auch wütend. Der Schweiß, die brennende Beine, die gut gemeinten Ratschläge („Du musst nur dranbleiben, dann wird es besser!“) und ganz besonders diese anderen beschissenen Jogger. Diese Weibchen im Neon-Outfit, von der Sonne geküsst, diese Männchen mit ihren Marathon-Teilnahme-Shirts, diese verdammten Senioren, die mich überholen und nicht schwitzen. Oh, ich hasse euch alle!

Eigentlich wollte ich entspannter werden, mit meinen Fingern die Zehen berühren, eigentlich sollte mir das Urteil anderer egal sein, wollte ich nicht mehr über andere urteilen – aber während ich laufe, bin ich einfach nur wütend und genervt. Da gibt es kein Happy End. Der Kaffee-Fleck bleibt.

„Willst du das so stehen lassen?“ Angsthase hat den Zylinder gegen einen Becher Kaffee eingetauscht. „Ja, eigentlich schon.“ – „Aber wo ist die Pointe? Die aufmunternde Wendung? Dass du jetzt eine Joggerin wirst oder so?“ Ich denke nach. „Mein Shirt ist wieder sauber!“ Der Angsthase tippt mit seiner Pfote in seinen Kaffeebecher und streicht sie langsam an meinem Shirt ab. Ich starre ihn ungläubig an, mache einen Schritt auf ihn zu, er schlägt einen Hacken und sprintet los. Aufmunternde Wendung? Kriegt er, wenn ich ihn eingeholt habe. See you Space Cowboy!

Fragen an das Team: Wie entfernt man Kaffeeflecken? Ist der Hulk in Wirklichkeit ein zorniger Jogger und welche Sportart hasst du am meisten?

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