10 Schritte zurück: die Idee

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, vielleicht ein wenig Konfetti, Euphorie oder zumindest einen billigen Sekt – der Imbisswagen ist da! Hey… Freude sieht anders aus, was einfach dem langen Weg geschuldet ist, der bereits hinter mir liegt.

Ganz zu Beginn des Blogs hatte ich versprochen, ein wenig mehr Transparenz in das Feld der Selbstständigkeit zu bringen, damit Angsthasen weniger Angst davor haben. Da ich aber selbst einen stolzen Angsthasen meinen Weggefährten nennen darf, habe ich eine Info bisher zurückgehalten: Was wir im Imbisswagen verkaufen werden. Und obwohl man die Antwort mit zwei Worten abhandeln könnte, hätte das wenig mit Transparenz zu tun (um fair zu bleiben: zur Not bis zum Ende scrollen).

Ein Angsthase hat nicht einfach eine Idee und sagt dann: „Da ist aber mal ein prima Gedanke in meinem Kopf gewachsen. Den lass ich so und setzt in gleich um!“ Vielmehr wird die Idee kritisch untersucht, zerpflückt, vergessen, wieder aufgenommen, umgeformt und hat am Ende nur noch ganz wenig mit dem Ursprung zu tun. Was man an dieser nervenaufreibenden Technik jetzt nicht erwarten würde, dass sie durchaus mit der Selbstständigkeit harmoniert. Schon im Vorfeld beschäftigt man sich viel mit Möglichkeiten, was umsetzbar ist und was halt nur nett klingt, aber keinen Wert hat.

„Die Zeitmaschine ist fertig!“ Angsthase ist aber auch immer zum passenden Moment startklar. Also los, machen wir zehn Schritte zurück, was überhaupt im Imbisswagen verkauft werden soll.

2016 besuchten wir ein Festival. Es war laut, heiß und voll guter Musik und Menschen. Also die richtige Stimmung, um etwas zu essen (nicht, dass ich dafür eine bestimmte Stimmung bräuchte). Einer der Stände, eine Art Holz-Hütte, verkaufte Schupfnudeln. Und nun bitte alle die Hände heben, die auch sehr lange Zeit SchNupfnudeln gesagt haben! Keiner? Ich natürlich auch nicht… Auf jeden Fall aßen wir Schupfnudeln mit Sauerkraut und während sich die Mägen füllten, keimte auch eine Idee im Kopf. Warum nicht selbst einen Imbisswagen betreiben? Weniger Risiko als ein Cafe wäre das auf jeden Fall.

Auch die Schupfnudel-Idee gefiel, zumal man ja einfach nur einen Topf und eine Pfanne braucht. „Und warum lachst du jetzt wieder, Angsthase?“ – „Einfach nur! Ich kann nicht mehr! MUAAHHHH!“ „Einfach nur“ gibt es nämlich in der Welt der Angsthasen nicht. Und „einfach nur“ warme Speisen anzubieten, bedeutet immer: Gasanschluss und Kühlmöglichkeiten, sowie ausreichend Platz. Dennoch gefiel uns die Idee der Schupfnudeln, weil das Gericht ehrlich und simpel ist. Dahin wollten wir zurück: Essen sollte weniger Schnick-Schnack sein, als wieder etwas Ursprüngliches. Zutaten, die jeder kennt. Am besten bio und regional. Schnell stießen wir mit diesen Ansprüchen bei den Schupfnudeln an unsere Grenzen, was uns aber zu einem verwandten Produkt brachte: der Kartoffel.

Als Kind fand ich Kartoffeln selten dämlich, unter allen Gemüsesorten war die Kartoffel die langweiligste. Eine Beilage, die vielmehr aus Versehen mit auf dem Teller landete. Mein Magen und Hirn mussten einen Reifeprozess durchlaufen, um die Kartoffel wirklich zu schätzen. Aber was sollte man nun mit Kartoffeln anbieten? Eine Kartoffelpfanne kam selbst uns zu simpel vor, aber schnell fand sich eine Lösung. Kartoffelwaffeln waren nicht nur super lecker, sondern auch mal eine echte Alternative zu den süßen Verwandten.

Wer Essen anbieten möchte, kommt ab der guten Idee nicht um die nächsten Schritte herum: Rezeptentwicklung und Standardisierung. Natürlich findest du im Internet jede Menge Rezepte – aber finde mal die guten! Das funktioniert nur durch eiseneres Testen. Ich liebe Kartoffelwaffeln noch immer, aber wenn du sie mehrmals in der Woche konsumierst wird die Liebe dünn.

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Waffeltest Nummer 176

Bei Rezepten muss man neben dem Geschmack aber auch Standzeiten beachten. Salat sieht nach einer Stunde nicht mehr nett aus, Soßen bilden eine Haut und der Teig von Kartoffelwaffeln? Tja, der wird schon nach einer Stunde richtig lecker grau. Backverhalten, Geschmack – alles bleibt gleich, aber die Farbe hat etwas von faulender Zombiehaut. Somit haben wir uns von den Kartoffelwaffeln verabschiedet und feilten an der normalen Variante.

Während dieser Rezept-Manikure wurde es mir plötzlich wichtig, auch etwas Süßes anzubieten. Ich habe ein wenig den Tick, nach herzhaften Speisen etwas Süßes zu essen oder umgekehrt (so bleibt man schön im Fressmodus). Also wurde parallel über Cupcakes und Cookies nachgedacht. Keine Ahnung auf welchen Irrwegen mein Gehirn zu diesem Zeitpunkt war, aber beide Ideen waren viel zu umfangreich. Wo sollten auch all die Cupcakes und Cookies produziert werden? Daheim darf das nämlich laut Hygieneverordnung nicht passieren. Dieser gedankliche Auswuchs wurde aber schnell in logische Bahnen gelenkt, denn wenn wir herzhafte Waffeln anbieten, können wir auch gleich süße mit verkaufen.

„Dauert das hier noch länger?“ Der Angsthase schaut mich gähnend an. „Dir ist schon klar, dass ich nur deinetwegen nie von unserer Verkaufsidee erzählt habe, oder? Weil du Angst hattest, dass sie jemand klaut!“ -„Das kann immer noch passieren. Gibt’s noch Kaffee? Ich scroll‘ mal zum Ende runter.“

Ja, Kaffee gibt es auch! Keine Ahnung, wann die Idee plötzlich dazukam, bestimmt nach der fünften Waffel und der dritten Tasse Kaffee. Aber die zwei gehören einfach zusammen und was der Magen vereint, das will ich nicht trennen.

Entwickelt man eine Idee, muss man oftmals mehrgleisig agieren. Rezepte ausprobieren, Zutaten suchen und nicht zuletzt das passende Gastro-Waffeleisen finden (was nicht so viel wie ein Haus kostet…). Denn kaum hat man Waffeleisen und ein passendes Rezept gefunden, muss man beide Dinge aufeinander abstimmen.

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Die ersten Waffelversuche

Eine ganze Weile versuchten wir, das Rezept der herzhaften Waffel auch für die süße Variante zu nutzen, was jedoch aus einem einfachen Grund nicht funktionierte: zwei unterschiedliche Eisen. Während die herzhaften Waffeln in belgischer Form daher kamen, sollte die süße Variante am Stiel präsentiert werden.

Ab diesem Punkt muss ich das goldene Fleißzepter an Herrn Traumenit weiterreichen, weil die süße Stielwaffel erst durch ihn wirklich Form annahm. Denn während all unserer Testessen wurde langsam klar, dass unser Plan, bio und regional anzubieten, ganz schön ins Geld gehen würde. Eier und Milch waren dabei unsere Hauptposten, die durch den Umstand, dass sie gekühlt werden mussten, sich im Rezept wie VIPs verhielten. Nun hätte man natürlich ganz locker zu Fertigmischungen, Milchpulver etc. greifen können (gibt es alles auch in bio), aber der Ursprungsgedanke (simpel und einfach) wäre dann einem Chemiebaukasten gewichen.

So landeten wir schließlich bei veganen Waffeln und wer mal solche konsumiert hat, weiß, wie schwer eine leckere Variante ist. („Hast du keine Angst vor den Veganern, die du grad so dezent provoziert hast?“ Die Schnurrbarthaare des Angsthasen beginnen zu zittern. „Nope, die Info hab‘ ich ja aus internen Kreisen!“ – „Und warum verriegelst du die Tür?!“)

Herr Traumenit hat es dennoch geschafft – samt Rezepturkalkulation in Excel (das ist irgend so ein Zahlenzauber: man gibt ein, wie viele Gäste man erwartet und die Tabelle zeigt an, wie viel Mehl man braucht, wie teuer alles wird und wie hoch der erwartbare Gewinn ist. Magie halt!)

Nun sind wir fast am Ende der Zeitreise angelangt, doch an dieser Stelle müssen wir uns von den herzhaften Waffeln verabschieden. Denn obwohl die Idee immer noch stimmig ist, fraßen uns die Kühl- und Lagerungsprobleme Löcher in unsere Hirne, die wir auch mit den leckersten Waffeln nicht stopfen konnten.

Was verkaufen wir nun? (-> hier mit dem Scrollen stoppen) Waffeln am Stiel und Kaffee. Ganz schön simpel oder? Aber selbst einfache Ideen brauchen bei Angsthasen immer ein wenig länger.

Wie findet man die passende Geschäftsidee?

  1. Was kannst du leisten? (finanziell, deine Fähigkeiten, praktisch)
  2. die Idee muss nicht neu sein, aber eine besondere Variation haben
  3. weniger ist mehr (besonders zu Beginn: lieber klein starten und ausbauen, statt groß scheitern)
  4. was brauchst du alles für deine Idee? (übersteigt der Umfang Punk 1.?)
  5. kannst du die Idee vertreten – und zwar über eine wirklich lange Zeit?
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3 Kommentare

  1. einglueck sagt:

    Ich mag Waffeln! Und Kaffee. Also wird schon gut werden!

    Und wo findet man euch dann?

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    1. Man findet uns über Nachfrage, weil wir beide das ja noch nebenberuflich betreiben 😉 Derzeit sind wir eher im Raum NRW und Niedersachsen, würden auf Anfrage aber auch überall sonst hinkommen.

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