10 Schritte zurück: Marketing

„Nö!“ – „Denk‘ da bitte noch einmal drüber nach…“ – „Nö!!“ – „Das ist jetzt wirklich albern! Jeder macht das und du stellst dich hier so an!“ – „NÖHÖ!“

Der Einstieg beschreibt so ziemlich meine Einstellung zum Thema Social-Media-Marketing – und ja, diese ist absolut kindisch und irrational. Ironischerweise war ich bis vor kurzer Zeit noch eine große Marketing-Verfechterin, besonders im Non-Profit-Bereich. Es ist mir jedes Mal ein großes Grauen, dass Cola & Co. mit sexy Stars und niedlichen Animationseisbären daherkommen, die Caritas aber gerade mal Geld für Flyer aus Butterbrotspapier hat. Schokoriegel überbieten sich an kreativen Marketingideen, aber keiner wirbt mal einen Apfel an – DEN Apfel, zum Essen (Als Gegendarstellung lasse ich übrigens nicht die doofe Kartoffelkampagne der Bundesregierung gelten. Die ist so sexy wie Kartoffelkäfer.)

Während ich in meinem damaligen Jobs also munter Facebookprofile und Twitter-Accounts gepflegt habe, versetzt mich nun der Gedanke für die eigene Sache ins digitale Schlachtfeld zu ziehen in eine trotzige „Nö“-Haltung.

Wenn ich mir schon vorstelle, Waffelfotos durch Instagramfilter jagen zu müssen, bildet sich weißer Schaum in meinen Mundwinkeln. Es ist nicht so, dass ich den Sinn dahinter nicht verstehen würde oder gar all den Social-Media-Tools ihre Wirkung abspreche. Natürlich möchte ich auch Waffeln und Kaffee VERKAUFEN. Und wenn ich viele verkaufe, postet mein Hirn jede Menge Herzchen-Emojis in meine Gedankenline.

Aber wie authentisch ist mein „einfach und simpel“ Konzept noch, wenn ich vorher die schönsten Waffeln mit meinem Smartphone abfotografieren, mir Hashtags überlege, irgendwas tagge (ab hier versiegt mein Social-Media-Vokabular #sonotdigitalnative #machtdasSinn??) – in all dieser Zeit könnte ich mit einem Kunden einen Schnack halten und ein Lächeln auf sein Gesicht zaubern, könnte mich für eine neue Kaffeesorte entscheiden, könnte selber eine Waffel essen oder einfach nur das Gefühl genießen, ein wenig langsamer im Hamsterrad zu rennen, vielleicht sogar ein Hamsterbeinchen mal locker raushängen zu lassen.

By the way: Ich habe gar kein Smartphone. Also, nicht in dem Sinne, dass es sonderlich smart wäre. Klar, kann es Mails abrufen, aber so ist mein Handy 90% der Zeit offline. Und das nur, weil wieder eine Stimme in mir sagt „NÖ!“ Nö, ich will keinen super tollen Datenvolumenvertrag mit Flat-irgendwas. Ich fürchte das mich unsichtbar umgebende Netz, was mir Botschaften schickt, ich fürchte die Strahlen und irgendwie fürchte ich auch meinen Untergang darin.

Neulich war ich mit Jugendlichen im Museum und wir passierten einen Teil der Ausstellung, wo eine Familie im Mittelalter dargestellt wurde. Plötzlich meinte einer der Jungen: „Damals war alles besser.“ Und ich so: „Hallo?! Was ist mit der Medizin!“ Wir hatten zuvor Schröpfkugeln gesehen. „Das nicht, aber früher war die Familie zusammen, jetzt sind alle an ihren Handys.“ So sprach die Pädagogin aus mir: „Aber du kannst es ja anders machen, du kannst das Handy ja weglegen und dich unterhalten.“, was jedoch von einer Studentin neben mir zu Nichte gemacht wurde, die trocken lachte: „Ja, aber macht ja eh keiner.“

„Macht ja eh keiner“ – Nö! sag‘ ich da nur. Das Hamsterrad ist auch ein digitales. Sicher, freue ich mich über Erinnerungsfotos und natürlich habe ich auch ein Facebookprofil. Doch am Ende des Tages werde ich Menschen auf einen Kaffee mit Waffel einladen. Ich werde mit ihnen reden, weil man das bei einem Kaffee am besten kann. Wir werden uns erzählen wie der Tag war. Ohne Emojis und Hashtags. Das ist keine Digitalverweigerung, das ist kein Hashtag-Detox. Solche Gespräche sind für mich auch Marketing. Mühseliger mit weniger Reichweite, aber vielleicht erzählt mir mal jemand eine spannende Geschichte, empfiehlt mir eine interessante Puderzuckersorte oder schlägt vor, dass unser Imbiss doch beim nächsten Stadtfest dabei sein soll.

Ich werde nicht in das Social-Media-Marketing-Hamsterrad einsteigen. Unser Marketing wird sehr schlicht ausfallen, weil die Ressource Zeit für andere Dinge, wie zum Beispiel Aufträge generieren, gebraucht wird. Am Ende folgt mir keiner auf Instagram oder Twitter, aber vielleicht in den nächsten Ort, um eine Waffel zu kaufen.

„Macht ja eh keiner!“ – #wirwerdensehen

Tipps für Marketing-Muffel

  • Kann man sich das Fernbleiben auf Social-Media-Plattformen leisten? (Frage steht im Zusammenhang mit der gewünschten Wachstumszeit)
  • Bin ich gar kein Marketing-Muffel, sondern ein Marketing-Laie? (Workshops, Freunde und Bekannte können hier aushelfen)
  • Welche Alternativen zu Social-Media-Marketing habe ich? (Flyer, Plakate etc. sind hier die Klassiker, erfordern aber auch wieder Talent, Zeit und Geld (wenn man gewisse Ansprüche hat). Aufträge, Kunden etc. können aber auch zu Beginn durch die „sag es weiter“-Strategie regeneriert werden. Hierfür sollte eine Art Bewerbungsmappe erstellt werden. Klar, kann ich jedem erzählen, wie hübsch mein Imbisswagen ist und wie lecker die Waffeln sind, aber gute Fotos sind hier aussagekräftiger.)
  • Kommunikation ist ein Teil von Marketing. Daher sollte man über die klassischen Wege (Telefon und Mail) erreichbar sein.
  • Sei dir bewusst, wie paradox dein Verhalten ist, wenn du „Nö!“ sagst – und das ausgerechnet auf WordPress 😉

 

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4 Kommentare

  1. einglueck sagt:

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich finde Social Media Marketing auch anstrengend. Instagram und co können sicher auch Spaß machen – aber sehr schnell auch der mühsam werden, wenn man es „fürs Geld“ machen muss.

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    1. Ja, genau! Und ich müsste halt die Waffel backen und gleichzeitig fotografieren, weil ich ja keinen Angestellten dafür habe.

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  2. Lady Cupcake sagt:

    Oh ja, diesen schmalen Grat kenne ich nur zu gut. Mhmhmpf….dennoch gibt es in mir diesen kleinen Funken, der sagt: Es gibt was dazwischen ohne den Druck SEO/Analytics Experte in 14 Tagen werden zu müssen. Stressless und entspannt und wann es für dich gut passt. You gonna rock this! Und ich find den Ansatz super, dich auf real-life-waffles und coffee zu fokussieren! Njomm njomm. Aufdass viele begeisterte Gäste ihre Laptops, Telefone und Tablets offline schalten und sich bei dir laben.

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    1. Ja, genau! Irgendwie fehlt immer die goldene Mitte! Derzeit „male“ ich ganz klassisch an dem marketing Konzept, so wie alte Filmplakate. Mal schauen wie das funktioniert. Du hast recht, am Ende muss es einfach schmecken, da hilft ja auch kein tolles layout, wenn der Kaffee kalt und die Waffel zäh sind 😉

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