Ein Brunnen, eine Höhle und die Stadt B.

„Der stete Tropfen höhlt den Stein“ – bei mir sind und waren es jedoch immer eher Literatur und Filme, die langsam das Thema „Ausstieg“ in mir geformt haben. Erst rückblickend ist mir dabei die Bedeutung des Romans „Mr. Aufziehvogel“ von Murakami bewusst geworden.

Toru Okada alias Mr. Aufziehvogel ist 30, verheiratet und kündigt seinen Job in einer Anwaltskanzlei. Sein Alltag wird durch Haushalt, Spaziergänge und (sonst wäre es kein Murakami Roman) seltsame Begegnungen bestimmt. Das Murakami Universum ist ein gebrochenes und doch einheitliches, was immer ähnlich ist – wiederkehrende Motive, Charaktere oder Orte schaffen beim Lesen immer ein Gefühl des „Heimkehrens“.

„Ich würde lieber die Wand anstarren als dieses Buch noch weiter zu lesen,“ sagte einst jemand über „Gefährliche Geliebte“ – auch eine Meinung, aber halt nicht meine.

Nun las ich Mr. Aufziehvogel zu meiner Zeit in der Stadt B. und kam nur schleppend voran. Knapp 600 Seiten sind sonst kein Problem, aber Vollzeitstelle und Überstunden machten meinen Lesefluss zäh. Wo ich sonst Freude beim Lesen empfand, war ich nun an einem Punkt, wo selbst Freizeit „Anstrengung“ bedeutet. Meine Motivation reichte gerade noch für den Fernseher, meine Konzentration nur noch für Serien. Mein Geist wurde stumpf. Auch Mr. Aufziehvogel ging es nicht besser. Sein Leben gerät aus den Fugen und um alles wieder in Ordnung zu bringen, bleibt ihm nur ein Weg: hinab in die Tiefe. Ein Brunnen wird dabei sein neuer Zufluchtsort, der jedoch keine Sicherheit verströmt, sondern Kälte, Feuchtigkeit und Gefahr.

Das Motiv ist dabei kein neues: Zarathrusta floh vor der Stadt in eine Höhle und auch Dostojewski ließ aus einem Kellerloch schreiben. Wir müssen fliehen, hinabsteigen und uns abwenden. Das Außen muss eliminiert werden, um ins Innere zu gelangen. Nichts davon ist romantisch. In der Stadt B. fühlte ich mich abgeschnitten, isoliert, es gab ein „da draußen“ und „das hier drinnen“ sagte mir keineswegs zu.

Auf dem Grund eines Brunnes finden wir nur Schlamm und Unrat, unter all unseren Leitsätzen und hohlen Phrasen sieht es genauso aus. Die Stadt B. war mein Brunnen, die Höhle, das Kellerloch. Nichts, was ich angestrebt hatte, machte noch Sinn. Panik machte sich in mir breit, eine Beklemmung, wie in einem Brunnenschacht. Das war es jetzt. Das war mein Leben: Aufstehen, hinfahren, Büro, wegfahren, essen, fernsehen, aufstehen, hinfahren… Dann die Wochenenden, die alles kompensieren mussten. Samstag und Sonntag packte ich voll mit Aktivitäten, doch der Montag kroch heran und verdarb alles. Ich war das Kaninchen mit der Uhr, keine Zeit, keine Zeit, kein Leben. So fühlte es sich an – in der Stadt B..

Mr. Aufziehvogel saß derweil im Brunnen und dachte nach. Über die Fehler, seine Liebe, sein Leben. In diesem kalten Brunnen, ohne Ablenkung, wühlte er im Schlamm und dachte wirklich nach, führte jeden Gedanken zu Ende.

Was die Stadt B. für mich bedeutet, kann ich erst im Rückblick verstehen. Ohne sie hätte ich nicht den Ausstieg gewagt, hätte mich nicht getraut, die Erwartungen nicht zu erfüllen, hätte nicht ganz praktisch an der Selbstständigkeit gearbeitet. In der Stadt B. habe ich gespürt, wie das Leben an mir vorbeizieht, habe gemerkt, dass es schon vorher an mir vorbeizog, ich nur so viel Ablenkung geschaffen hatte, dass ich das gar nicht wahrnahm.

„Du hast nur das eine Leben“-Blabla kommt super auf Lettering-Spruchkarten, aber wer lebt schon so? Wer versteht das schon? Ich bezweifel sogar, dass ich das gänzlich verstanden habe und nicht nur eine Ahnung von vergehender Zeit habe, die sich dann „Leben“ nennt.

Irgendwann beendete ich das Buch – ohne wirkliches Ende, sonst wäre es kein Murakami. 600 Seiten Brunnen-Erkenntnis – 11 Monate in der Stadt B., um dann zu fliehen, ins echte Leben.

Wer sollte es lesen? Murakami-Fans werden ihre Freude haben, Einsteiger können die Wand anstarren.

Was bringt es? „Denk, denk, denk“ würde Winnie Puuh sagen, weil wir immer nur denken, wir würden nachdenken. Also, ruhig mal tiefer graben im Kopf, wer weiß, was der Gedankenbrunnen zu bieten hat.

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für Zeitmillionäre, Wandersleute und Club-Mitglieder

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3 Kommentare

  1. Morgen Luft sagt:

    Dein Text holt mich gerade sehr ab, auch wenn ich mich zu der anderen Seite bekennen muss und nicht an Murakami herankomme. Ich hoffe B. war nicht Bremen, dann hätte ich dir gern einen Eimer aus dem Brunnen zur Verfügung gestellt. Aber so wie es klingt, sollte es ja so sein bzw. war es wichtig, dass es so war.

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    1. Es war ganz sicher nicht Bremen 😉 Aber danke für das Angebot und freut micht, dass dich der Text abholt. ^^

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      1. Morgen Luft sagt:

        Dann bin ich ja beruhigt 🙂

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