10 Schritte zurück: die Generalprobe

Rückblick: Es ist mitten in der Nacht und ich kann einfach nicht schlafen. Eine Zahl geistert durch meinen Kopf, dreht ihre Runden und zerrt an meinen Nerven – 500. 500 Waffeln soll ich backen. Mir wird schlecht…

Eher zufällig ergab sich vor ein paar Monaten die Möglichkeit, bei einem Fest in der Nähe Waffeln zu verkaufen. Ganz unkompliziert, ohne Imbisswagen, ohne Kaffee. Zudem würden wir für andere produzieren, so dass wir ingognito unsere Waffeln testen konnten und den Misserfolg zur Not auf die Veranstalter hätten schieben können (der Konjunktiv stresst mich grad enorm…).

Jeden, der seine „drohende“ Selbstständigkeit antesten möchte, kann ich solche kleinen Generalproben nur empfehlen. Dorffeste oder private Geburtstage – der Rahmen ist klein genug, um entspannt zu bleiben, aber auch so groß, dass man eine größere Produktion wagen muss. 10 Waffeln daheim backen – 100 Waffeln bei Onkel Ottos 60. Geburtstag ist eine andere Liga.

Nun war ich voller Vorfreude, erstellte To-do-Listen und sah uns schon Waffel backend das Zepter schwingen (das metaphorische Zepter), als Herr Traumenit für den geplanten Termin absagen musste. Natürlich hatte ich vor Ort andere Helfer, eber eben nicht meinen Waffel-Buddy, sondern nur Waffel-Laien. Sofort meldete sich der Angsthase zu Wort: „Das schaffst du nicht alleine!“ – „Hey! Ich bin eine epanikisierte Frau! Natürlich schaffe ich das!“ – „Emanzipiert…“ – „Panik, mein‘ ich doch…“

Ich funktioniere alleine ganz gut, auch wenn es Gerüchte gibt, ich würde alleine vor der PS4 verwahrlosen oder an einem Überkonsum an Sesamringen sterben (das habe ich auch fast in Gegenwart von Herrn Traumenit geschafft, also zählt das Argument ja mal gar nicht!). Überhaupt sehe ich uns eher als Einzelgänger, die ziemlich gut zusammen funktionieren und sich gut ergänzen, im Einzelmodus aber überlebensfähig sind (sieht man vom Sesam-Gate ab…).

Die Waffel-Generalprobe hatte aber eine praktische Komponente, bei der mir bewusst wurde, dass Produktionsprozesse unabhängig von den Produzierenden funktionieren sollten. Das schreibt sich so leicht daher, aber ich verbrachte ganze Nächte damit, Arbeitsabläufe in meinem Kopf zu durchlaufen: Teig anrühren, umfüllen, in die Form gießen, Backzeit beachten, abkühlen lassen, nach vorne reichen, Puderzucker, verkaufen. Herrje, VERKAUFEN! Fremde Leute sollten ja die Waffeln essen!

Ab hier nahm das Kopfkino richtig an Fahrt auf. Was, wenn alle Freunde und Verwandten uns belogen hatten, und unsere Waffeln so richtig kacke schmeckten würden hätten können sein?! Hierzu startete ich noch einmal eine interne Mini-Generalprobe mit einer Freundin, die die Waffel sehr mochte – ABER: ihre kleine Tochter lehnte die Waffel ab! (Ok, eine Stunde später hat sie die Waffel dann doch gegessen, weil Kinder ja auch irgendwie alles essen.) Und auch ich hatte plötzlich einen bitteren Geschmack im Mund, sobald ich in die Waffel biss.

Es half alles nichts, ich hatte mich für die Waffelfront verpflichtet, jetzt musste ich hin. Nun mussten nur noch die Mengen kalkuliert werden und rein ins Abenteuer. Also, fragte ich  recht beiläufig mit wie vielen Waffelessern ich denn rechnen müsste.

„Also, ca. 3000 Leute kommen auf das Fest… naja, nicht jeder wird eine Waffel essen… ich würde sagen… 500 sollten wir produzieren können.“ Die nächste Stunde versuchte ich mein Gesicht, Puls und Atmung unter Kontrolle zu bringen. 500 hatte so wirklich gar nichts mehr von einem kuschligen Dorffest. 500 – das war ja schon fast Rock am Ring! Mit 500 stieg das Scheiterpotential ins Unendliche!

Wo sollte ich Gefäße für 500 Teigportionen herbekommen? Wie sollten wir den Teig lagern? Was, wenn nicht alles aufgegessen wurde, weil die Waffeln einfach nur mies schmeckten?? Nachts stellte ich mir Reihen von hungrigen Menschen vor, die völlig entkräftet in die Waffel bissen, angewidert das Gesicht verzogen und mir schließlich eine tödliche Waffelstiel-Akupunktur verpassten. Schließlich ging ich noch einmal zu meiner Bekannten, mit der ich den Stand organisierte. „500? Ach, Quatsch! 300 Waffeln reichen.“ Ich war erleichtert, meine Angst vor einer Niederlage wurde dadurch jedoch nicht kleiner.

Mit jedem Tag rückte das Fest und damit auch die Generalprobe näher. Schließlich war es soweit: bepackt mit Waffeleisen, Eimern voll Teig und Stielen bauten wir unseren Stand auf. In meinem Kopf hatte ich schon tausend Waffeln verkauft und Abläufe geplant, aber die Realität ist ein ganz anderes Level. Denn während ich in meinen Kopfwelten immer mit vielen Kunden gekämpft hatte, zeigte sich nun die Leere der Wirklichkeit. Ein paar Menschlein bummelten an unserem Stand vorbei und selbst Anpreisen der Ware konnte niemanden zu einer Waffel überreden. Diese erste Stunde fühlte sich einfach nur schrecklich an. Viel schrecklicher als die Vorstellung, jemand hasst die Waffel, denn dann hat er sie zumindest vorher gekauft. In dieser einen Stunde erhielt ich aber schon meine erste Lektion in Sachen Verkauf. Die Uhrzeit spielt eine entscheidene Rolle. Das Fest hatte zur Mittagszeit begonnen, also war den meisten Besuchern zunächst eher der Sinn nach Pommes & Co., da eine Waffel kaum als Mittagsmahlzeit durchgeht (ICH sehe das ja anders, man kann auch durchaus auch mal einen Kuchen zum Mittag essen und Pizza am Nachmittag.).

Kaum rückte der Zeiger in Richtung 15 Uhr, wollten die ersten eine Waffel kaufen, für sich, den Partner, die Kinder. „Seid ihr der Stand mit der Stielwaffel?“ Und ehe ich richtig begreifen konnte, was da geschah, bildete sich eine Schlage vor unserem Stand. Statt Beschwerden und Würgereiz standen plötzlich Leute vor mir, die eben jenes Lächeln hatten, was einem nur etwas zu essen ins Gesicht zaubern kann. Das steckt an.

Alle Backsessions, Verkostungen und Rezeptoptimierungen wurden nun auf die Probe gestellt – und diese wurde bestanden. Ich war einfach nur glücklich, freut mich über jeden Kunden und konnte es am Ende kaum glauben, dass wir sämtlichen Teig verbacken hatten.

Müde und erschöpft fiel ich abends ins Bett. Der Angsthase kuschelte sich neben mich. „Ich bin echt erleichtert,“ murmelte er. Erleichtert… den ganzen Tag über hatte ich meine Anspannung und meine Ängste vergessen. Ich hatte mich sicher gefüllt, in meinem Element, auch wenn es zeitweilig stressig war. „Weißt du was? Das nächste Mal knacken wir die 500!“ Obwohl es dunkel war, konnte ich förmlich das panische Gesicht des Angsthasen sehen und lachte still in mich hinein. 500… wie viel Mehl braucht man da eigentlich, dann auch mit Kaffee, aber wir hatten ja noch gar keine Kaffeemaschine, muss man bei 500 Waffeln auch mit 500 Kaffee kalkulieren…???

Animationsfragen: Was war deine beste Generalprobe? Musst du bei der Zahl 300 auch immer „DAS.IST.SPARTA!“ schreien? Welches Essen zaubert ein Lächeln in dein Gesicht?

 

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