Der Verzicht auf das Jetzt

Fast ein halbes Jahr ist vergangen, seit ich meine Festanstellung gekündigt, Stadt B. verlassen habe und an meinem Ausstieg in die Selbstständigkeit pfeile. Zeit für eine Art Rückblick.

Es gibt Lebensläufe, die sind um einiges spannender, umfangreicher und steiler als meiner: Auslandssemester, Ehrenamt, Start up, Praktika und abgefahrene Nebenjobs – das abgefahrenste was ich erlebt habe, war meine Kündigung bei Deichmann und da ich als Angsthase sicher nicht zur Rebellion neige, lag meine Kündigung in einem „Sie hören nicht, wenn man Ihren Namen ruft.“. Vielleicht hätte ich auch auf das Gleichstellungsgesetz pochen können, da ja scheinbar etwas mit meinen Ohren nicht stimmt (ich hab Ohren wie ein Luchs! Manchmal höre ich sogar Dinge, die gar nicht da sind!), aber da ich eh durch eine Horde Auszubildener ersetzt werde sollte, schien mir ein Aufstand nicht ratsam.

Diese unterhaltsame Anekdote steht natürlich nicht in meinem Lebenslauf, zeigt aber, dass ich stets bereit war, mich auch mal unter Wert zu verkaufen. Geld ist Geld. Natürlich wäre ich auch lieber Empfangsdame in einem hippen Tattoo-Studio gewesen oder Pelzkragentesterin, aber am Ende haben mich all meine kleinen, schnöden Nebenjobs ziemlich geerdet. Ich weiß, wie hart das Leben als Verkäuferin ist, nicht wegen der Arbeit, sondern der Arroganz der Kunden. Ich weiß, wie nichtig man als Kellnerin behandelt wird und im gleichen Moment alle viel netter sind, sobald man sich als nebenjobbende Studentin outet.

Und ich kenne auch die nüchternde Sachlichkeit mit der ich meine Fähigkeiten eingeschätzt habe. Meinen ersten Job nach dem Studium hatte ich in der Nachmittagsbetreuung einer Schule, wo ich Kindern und Jugendlichen bei den Hausaufgaben und beim Deutschlernen geholfen habe. Einige fanden das seltsam, weil ich ja studiert hatte, ich fand es klasse, weil ich wirklich gut verdiente und eine flexible Zeiteinteilung hatte. Ich verzichtete auf meinen Status und meinen Anspruch für einen besseren Job, um erst einmal eine Basis in meinem Leben zu schaffen. Dieser Verzicht zahlte sich aus. Mein späterer Arbeitgeber wurde auf mich aufmerksam und stellte mich ein – in leitender Position. Hier wäre ich durch eine bloße Bewerbung als Berufseinsteiger nie hingekommen.

Viele Urlaube, Anschaffungen und Bequemlichkeiten habe ich mir gespart, weil ich wußte, dass sie mir nur für einen Moment Freude machen würde, mich langfristig die finanzielle Unsicherheit auffressen würde. So habe ich gespart. Dabei kann ich keineswegs behaupten, dass ich ein karges Leben geführt hätte oder noch führe. Im Gegenteil: mein Verzicht von damals ermöglicht mir jetzt viel mehr Freiheiten, Flexibilität und Erfüllen meiner Träume, als es zum Beispiel ein eigenes Auto vor 8 Jahren  getan hätte.

Es gibt auch Momente, wo man einfach mal auf einen Lohn verzichten sollte. So war es zum Beispiel bei der Generalprobe. Finanziell hat sich diese nicht gelohnt, jedoch habe ich Erkenntnise gewonnen, die unbezahlbar sind (dass mein Puderzuckerstreuer total Mist ist).

Lieber als das Wort „Verzicht“ mag ich daher „Nachhaltigkeit“. Der Begriff ist ja inzwischen in die Ökoecke abgedriftet und ähnlich stigmatisiert wie „vegan“ und „Barfußschuhe“ (ich freue mich schon auf den Tag, wo Automobile in dieser Ecke landen und alle so „Bäh! Autos! Voll öko! Da fahr ich lieber Rad, bevor jemand denkt, ich wäre so ein Öko!“)

Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass ich nicht alles in das Jetzt investiere, sondern vielmehr in das Morgen und Projekte bei denen ich mir sicher bin, das sie mich nachhaltiger (länger) zufrieden machen. Natürlich könnte ich mir jetzt das neue Gorillaz-Album kaufen, weil ich es einfach in meiner Sammlung haben muss, aber lieber spare ich das Geld für ein Festivalticket (o.k. das Beispiel war jetzt mittelprächtig gewählt, weil mich das neue Gorillaz-Album ganz sicher nicht glücklich machen würde).

Nun kann man natürlich wieder mit Kalendersprüchen um sich werfen, „Lebe im Jetzt!“ oder „Genieße jeden Tag, als wäre es dein letzter!“. Doch ist „leben“ mit „konsumieren“ gleichgestellt? Ich kann durchaus sehr genießerisch auf dem Balkon sitzen und das ALTE Gorillaz-Album hören, was mich darin bestätigt, die Finger von der neuen Platte zu lassen – ich sag ja, schlechtes Beispiel.

Wofür wir Geld ausgeben, wofür wir Geld verlangen – ist es das immer wert? Die Antwort hat mich viel Mühe und einige Jahre gekostet. Denn fragt man mein Vergangenheitsich, wie nachhaltig es war zu kellnern, nicht finanziell mithalten zu können, nicht in den Urlaub zu fahren, keine neuen Klamotten zu haben, dann ist die Antwort ein großes „KACKE!“.

Doch erst der Rückblick ermöglicht ja eine Sinnstiftung des eigenen Lebens. Erst dann verstehe ich, warum ich es jetzt, trotz Ängsten und Befürchtungen, schaffe, mich langsam zu lösen – von Konventionen, Lebensläufen und Kaufempfehlungen (langsam im Sinne von Schneckentempo).

So vermischt sich ganz schnell das Wollen mit dem Brauchen und jeder kann für sich die Definitionen setzen, aber eine Jacke zu wollen oder zu brauchen, ist ein großer Unterschied. Manchmal weiß ich gar nicht so recht, was ich will. Dann werde ich ungeduldig, fühle mich wenig nachhaltig und habe das Gefühl, eine Zukunft, so wie ich sie will, nie zu erreichen. Und da man bei einem Rückblick ein wenig mehr als sonst nachdenken sollte, habe ich auch darüber gegrübelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nie wirklich eine konkrete Definition von meiner Zukunft hatte.

In der Grundschule wollte ich mal Disneyzeichnerin werden, mein „Essay“ hierzu beschränkte sich aber mehr auf die Merchandiseartikel, die man meinem Charakter zu ehren verkaufen würde (der übrigens eine Raupe war…). Danach folgten unzählige Berufswünsche. Mein Leben stellte ich mir dagegen sehr vage vor, wobei ich denke, dass die wenigsten Kinder und Jugendlichen da konkrete Vorstellungen haben. Sicher war nur, dass ich eine Katzen haben wollte – check! erreicht.

Schaue ich mir also Fotos der kleinen Frau Traumenit an, mit dem schlechten Pisspott-Schnitt, den bunten Hosen und den viel zu großen Pullis, glaube ich ganz fest, dass sie nicht unglücklich mit dem Jetzt wäre. Ich habe nie nostalgisch in die Vergangenheit geblickt (und wenn man mal einen Pisspott-Schnitt in der Jugend hatte, tut man das eh nicht), weil ich immer das Gefühl hatte, dass sich mit jedem Jahr mein Leben verbessert hat.

Natürlich gab es Niederlagen, Verluste und Fehlentscheidungen, aber am Ende wurde immer alles gut – selbst wenn ich diese Lehre oft vergesse. Also will ich keine neue Jacke, sondern brauche nur ein wenig mehr Geduld.

 

Frage-Runde: Was war eure größte Haarschnitt-Sünde? Wie viele Jacken braucht der Mensch? Gibt es ein besseres Wort für „Verzicht“?

 

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4 Kommentare

  1. einglueck sagt:

    Ich mag Nachhaltigkeit! Allerdings gehöre ich auch zu denen, die es albern finden, dass „öko“ oder „Gutmensch“ negativ sein sollen.

    Im Übrigen halte ich es ähnlich: Dinge schaffe ich selten an, einfach weil sie mich selten glücklicher oder zufriedener machen.

    Ungern spare ich dagegen am Urlaub/Reisen oder zum Beispiel gutem Essen. Da finde ich es schon wichtig, sein Leben zu genießen. Aber Urlaub muss ja auch nicht teuer sein – Hauptsache man sieht etwas Neues und erweitert seinen Horizont…

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich finde es auch schade, dass Dinge, die eigentlich allen helfen, negativ behaftet sind.
      Irgendwie verrückt.

      Auf gutes Essen könnte ich auch nie verzichten! Selbst, wenn es nur ein Stück Kuchen ist. Daher stimmt es, dass „Leben zu genießen“, aber das kann man halt auch ohne kopfloses Kaufen ^^

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  2. Janna | KeJas-BlogBuch sagt:

    Ein nächtlicher Gruß, ich habe deinen Blog dank der feinen Aktion von Mareike (Bücherkrähe) entdeckt und sage direkt: Hut a vor solch einen Schritt! Ich bewundere diesen Mut – auch ich liebäugle immer wieder mit der Selbständigkeit, aber die Ängste haben mich fest im Griff!

    Ganz viel Erfolg dir auf diesem Lebensweg und liebe Grüße
    Janna

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    1. Vielen Dank! Aber du siehst ja, dass selbst Angsthasen ganz langsam in Richtung Selbstständigkeit hoppeln können 😉 Braucht halt nur länger.

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