Premiere

Eigentlich weiß ich immer noch nicht, wie es zur Premiere kam – oder unserer neuen Mitarbeiterin. Am Ende sitze ich im Bus und habe einen Plastikbecher samt Piccolofalsche in der Hand.

Aber fangen wir an einem sonnigen Tag im Garten der Schwiegeroma an. Vor uns auf dem Tisch steht eine Platte mit dick-marmeladig bestrichenen Milchbrötchen. „Die müssen alle weg!“ Das ist die Ansage und ich weiß, Schwiegeroma wird nicht ruhen, bis „alle weg sind“ – was heißt, dass jeder von uns drei Milchbrötchen essen muss. An diesem Tag ist das jedoch kein Problem, weil Herr Traumenit und ich schon seit ein paar Stunden am Imbisswagen gewerkelt haben, der nun voller Stolz in Schwiegeromas Einfahrt glänzt.

Dunkel kann ich mich nun daran erinnern, dass Herr Traumenits Cousine zu Besuch kam. Dunkel, weil ich schon halb im Milchbrötchenkoma war. Und während die Cousine noch lobend über den Imbisswagen spricht, höre ich Schwiegeroma posaunen: „Jetzt müssen aber auch Waffeln verkauft werden, du bist auch eingeladen.“ Eingeladen wozu?

„Ihr könnt ja hier in der Einfahrt Waffeln verkaufen.“ So halb arbeite ich noch an meinem letzten Milchbrötchen, aber die Idee gefällt mir und während ich so senierend (oder senil – Zuckerschock) mümmel, kommt auch Herr Traumenits Tante B. vorbei (andere Tante, nicht Mutter von Cousine – ja, das ist Realität und kein Slapstick). Auch sie ist sofort von der Einweihung des Imbisswagens begeistert. Genau, inzwischen ist die „Idee“ zu einer echten „Einweihung“ geworden. „Ich verteile dann die Plakate!“ Und während Tante und Schwiegeroma schon alles planen, habe ich drei Milchbrötchen geschafft.

Drei Tage später: Herr Traumenit steht entgeistert mit seinem Handy in der Wohnzimmertür. „Das war Oma…sie wäre ganz aufgeregt.“ Ich blicke aus dem Fenster. „Aber es scheint doch die Sonne.“ (Schwiegeroma mag keine Gewitter.) „Nein, wegen der Einweihung…“ – „Ach, das ist doch nur Familie!“ – „Nein, das halbe Dorf…“

Ohne es zu bemerken, hatten wir eine neue Eventmanagerin im Team, die an jede Tür in Dorf A. klopfte, um zu unserer Einweihung einzuladen. „Ihr müsst jetzt auch mal die Plakate schicken!“ Schwiegeromas Befehl war ähnlich straff wie ihr Antreiben, wenn es um das Vernichten von Kuchenstücken ging. Ohne Widerrede schickten wir also Plakate zu Tante B. und planten nun selber an der Einweihung. Selten hatte ich die Menschen in meiner Umgebung mit so viel Feuereifer gesehen. Hektische Telefonate, wo die Plakate hängen sollten, ob auch Cousin M. eine Einladung erhalten hatte und die Frage, ob Schwiegeroma nicht auch noch eine Kanne koffeinfreien Kaffee kochen sollten, weil „Meine Leute trinken das ja lieber.“

Ab diesem Zeitpunkt wuchs in mir langsam Panik. Bisher hatten wir noch keine einzige Waffel im Imbisswagen gebacken und an den Kaffee wollte ich gar nicht erst denken. Zudem sind mir Premieren vor Freunden und Familie deutlich unangenehmer als vor Fremden.

„Und wenn wir einfach ab sofort jeden Kuchen von Schwiegeroma aufessen?! Vielleicht können wir dann noch alles absagen…“ Angsthase hatte wohl noch nie einen Kuchen von Schwiegeroma gesehen. Davor hatte ich definitiv mehr Angst, als vor der Premiere. Also, kalkulierten wir wieder munter unsere nötigen Zutaten. Wieder ein Anruf. „Was ist denn jetzt mit den Zutaten?“ Unsere Eventmanagerin hatte sich nun zur Logistik vorgearbeitet. „Oma will unsere Zutaten bezahlen, weil sie ja die Einweihung angeleiert hat. Ich erkenne sie kaum wieder…“ Wir schauen uns ratlos an.

Wie es mit Premieren so ist, stehen sie dann trotz Planung plötzlich vor der Tür. „Hallo! Ich bin eure Einweihung! Hab gehört, hier geht heut‘ was… Moment, habt ihr noch kein Kleingeld für die Kasse?? Und der Mengenbrüher muss doch vor Einsatz im Leerlauf einmal durchlaufen!!“ Die Einweihung scheint der Ohnmacht nahe und auch ich bin ziemlich blass. „Bist du nervös?“ raunt mir Schwiegeroma zu. Ich bin ehrlich: „Ja…“ es folgt ein erleichtertes: „Ich auch!“

In solchen Momenten habe ich meine Mitmenschen plötzlich unheimlich lieb. Überhaupt merke ich, wie beim Waffel backen mein Herz schlägt und ich mit jeder Waffel auch einen Klecks Begeisterung weiter gebe. DSC02560

Es ist 15 Uhr und die ersten Kunden kommen. Manche sind sogar recht zufällig bei uns gelandet. Kinder versuchen die Stielwaffel wie Eis zu lecken und manch‘ Erwachsener begnügt sich nicht nur mit einer Waffel. Die Sonne scheint. Der Regen vom Morgen ist vergessen und alle sind ausgelassener Stimmung – ich schließlich auch.

Gegen 17:30 ist der Zauber vorbei. Ein Auto hält und der Fahrer will noch schnell die letzten Waffeln für die Oma mit ins Krankenhaus nehmen. Jetzt geht es ans Aufräumen, doch genauso wie alle bei den Vorbereitungen mitgeholfen haben, schaffen wir es gemeinsam schnell, das Chaos zu beenden.

Anschließend sind wir alle bei Tante B. zum Grillen eingeladen. Tante A. hat extra eine Flasche Sekt mitgebracht, zur Feier des Tages. Bevor ich rührselig werde, nehme ich lieber einen großen Schluck und sprechen meinen Dank an die Runde.  Schließlich verkünden wir unsere Einnahmen und alle sind freudig überrascht (Ich sage mal so: wenn wir das jedes Wochenende machen würden, in einem etwas größeren Rahmen, könnte zumindest einer von uns davon leben.)

Irgendwann müssen wir dann aufbrechen, weil die Busse nur so unregelmäßig in Dorf A. fahren. Alle wollen uns zur Bushaltestelle begleiten. So ziehen wir los und unser Trupp sieht sicher seltsam aus – hier, in Dorf A.. Herr Traumenit hat ein Wegbier bekommen, ich den Piccolo, beides verstecken wir schnell, als der staunende Busfahrer bei uns hält. So viele Leute standen hier bestimmt noch nie an einer Bushaltestelle. Wir steigen ein und winken zum Abschied. Dann werden wir doch noch rührselig und schmunzeln, wie uns alle geholfen haben, besonders die Schwiegeroma. Wie am Ende doch alle an unseren Imbiss glauben und uns unterstützen. Jeder auf seine Art. In solchen Momenten glaube ich, dass wir ein wenig mehr als Waffeln verkaufen, vielleicht sowas wie Gemeinschaft oder… „Jetzt pack‘ mal schnell den Sekt weg! Sonst könnt ihr hier gleich aussteigen!!“ raunzt der Busfahrer und wirft uns böse Blicke über seinen Spiegel zu. Bei der nächsten Fahrt bekommt er auch eine Waffel.

Nicht vergessen, wenn die Selbstständigkeitspremiere naht:

  1. die Kasse (Kleingeld is king!)
  2. eine Person, die Fotos macht und dokumentiert
  3. neue Geräte vorher testen
  4. Das Wetter ist unberechenbar – nicht ärgern, wenn es regnet.

 

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6 Kommentare

  1. Michael Behr sagt:

    Es liest sich alles zu schön um wahr zu sein und wenn es nicht wahr wäre, dann sollte es das sein. Einfach schön! 🙂

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    1. Naja, die Sache ist wirklich sehr spontan entstanden, was sicherlich der Vorteil am Dorfleben ist. Darüber lassen sich auch schnell richtige Events generieren. Und die Panik, als unsere Kasse kein Kleingeld hatte, in der Anleitung vom Mengenbrüher stand, der muss vorher im Leerlauf starten – die gab es, aber das Gesamtgefühl war ein anderes. Und natürlich habe ich bei der Milchbrötchenzahl geschummelt: Jeder musste vier essen 😉

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      1. Michael Behr sagt:

        Das mit dem anderen Gesamtgefühl verstehe ich nicht so ganz, muss ich gestehen. Ich habe den Artikel so verstanden, dass es insgesamt ein doch eher mulmiges Gefühl gewesen ist. Aber wenn es das nicht wahr: Wieso dann nicht auch so schreiben? Wäre doch nur noch schöner! 🙂

        Und die der Erfahrung leider lehrt, man kann nie genug Wechselgeld haben. Planmäßig kommt der erste oder der zweite Käufer mit dem 50-Euro-Schein daher. Wenn nicht höher *g.

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      2. Ach so! Nein, mein Gesamtgefühl war ein positives, besonders durch die Unterstützung der anderen. die haben das mulmige Gefühl sehr schnell verfliegen lassen. Aber interessant, wie „mulmig“ ich dann dennoch schreibe ^^“ Durch den Rückblick hätte es also nicht fair gefunden, alles negativ darzustellen, weil es ja so auch nicht war.

        Ja, mit dem Wechselgeld bin ich jetzt auch um einiges schlauer…

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      3. Michael Behr sagt:

        Also ich wäre ja tausend Tode gestorben, vielleicht habe ich deswegen auch mulmiger gelesen, als es da stand. Aber die Hauptsache ist, dass es bei dir a) anders war und b) so super geklappt hat!

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      4. Es waren ja alles Leute, die wir – oder zumindest die Schwiegeroma – kannten. Und es ist wirklich ganz seltsam: In dem Moment, wo du anfängst, fühlst du dich wohl und der Rest ist egal.
        Aber in Zukunft werde ich das mal etwas genauer beschreiben oder mal ein seperates Thema dazu machen. Danke!

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