Pausenende

Ich habe ein wenig überlegt, ob ich überhaupt etwas über meinen Urlaub schreibe. Was dieser Urlaub mit der Selbstständigkeit zu tun hat, mit diesem Blog, mit dem „Arbeitsauftrag“. Doch manche Dinge hängen zusammen.

Mein Urlaub startete mehr als holprig, vielleicht eher polternd – es polterte aus mir heraus. Husten, leichtes Fieber – Sommergrippe. Dadurch war ich Herrn Traumenit keine echte Hilfe bei der Fertigstellung des Campingsaufsatzs für unseren neuen Wagen. Ich lasse die These einfach mal im Raum stehen, ob ich gesund eine Hilfe gewesen wäre…DSC02645

Lektion 1

In mir war jedoch der unbändige Wille, in den Urlaub zu fahren, weil unsere erste Station ein Festival sein sollte, wo ich zum ersten Mal Feist live sehen konnte. Selbst mit rausgehusteten Lungenflügeln hätte ich mich zu diesem Konzert geschleppt. Musste ich zum Glück aber nicht tun, weil Musik alle Wunden heilen kann. Obwohl ich Feist schon seit über 10 Jahren höre, habe ich mich nie mit ihr als Live-Künstlerin beschäftigt. Ihre Texte und Melodien hatten mir stets eine zeitlose Melancholie vermittelt. Selbst Leslie Feist selber verharrt in meinem Kopf in einem alterslosen Zustand, der irgendwo zwischen 20 und 30 liegt. Doch bevor nun die ersten denken, ich wäre heimlich in das Management von Feist gewechselt und wolle die Verkaufszahlen ankurbeln, wurde mir etwas ganz anderes während des Konzerts bewusst. Feist ist alterslos. In einem pinken Kimonokostüm, bunt gemusterter Jacke und weiß-silbernen Halbstiefeln nahm sie die Bühne ein. Und während das wie ein stilsicheres Chaos wirkte, rockte sie ganz nebenbei das Konzert. Nicht melancholisch, sondern sehr ironisch gebrochen. Weil Herzen manchmal brechen, aber man trotzdem weitermachen kann. Weil man alt wird, aber nie den Elan verlieren muss. Weil es eigentlich keine Schranken gibt, keine Altersgrenzen, keine Konventionen – aber Angsthasen das viel zu oft vergessen. Damit ich es nicht vergesse, habe ich nun die Leslie-Feist-Erinnerungspony-Frisur (das ist ein wenig übertrieben, weil mein Pony und ich eine On-Off-Beziehung führen oder wie Herr Traumenit mal meinte: „Bevor ich dich kennengelernt habe, kannte ich das Wort ‚Beiwachsen‘ gar nicht.“

Lektion 2

Festival und Campen im Auto (kann man überhaupt im Auto campen…?) sind natürlich ein harmonisches Duo, Campen und Angsthasen sind jedoch eine ganz andere Liga. Zwei Sorgen trieben mich im Vorfeld um: Essen und Sanitäranlagen. In mir schlummert eine latente Angst unterwegs zu verhungern, ebenso, kein anständiges Klo zu finden (und wer jetzt denkt: „Aber man ist doch draußen! Da ist doch Mutter Natur das große WC!“ hat immer noch nicht das Blogthema verstanden: Angsthasen können ganz sicher nicht ohne Paranoia-Stalker-Panikschüben die Wildnis ihre private Toilette heißen!). Beides stellte sich jedoch als unbegründet heraus, weil wir ja zum einem durch Deutschland tourten und zum anderen uns ganz locker selber versorgen konnten. Und gerade dieser Aspekt des Urlaubs hat einiges in meinem Kopf verschoben. Köpfe sind ja grundsätzlich mit jeder Menge Informationen zugestellt. In einer Regalecke schlummert alles zum Thema „Wasser“. Wie wertvoll es ist, dass man sparsam damit umgehen sollte und all dies nickt der gesunde Menschenverstand treudoof ab. „Verstanden, alles klar!“ Mit einem 10 Liter Kanister im Kofferraum entsteht jedoch ein Erfahrungswert, den ich so noch nicht hatte. Wasser zum Zähne putzen, spülen, Essen und Kaffee kochen, Hände waschen, heiß Wasser kostet extra, kalt duschen, trinken – Wasser wurde ein sehr wichtiges Thema während dieses Urlaubs (und alle Camper klatschen gelangweilt in die Hände…).

Lektion 3

Ich kann mich im Liegen umziehen. Call me Schlangenmensch! (Ich bin mir sicher, dass es eher wie eine sterbende Raupe von außen wirkte, aber dafür gibt es keine Beweise, somit kann die These meiner Schlangenmenschfähigkeiten stehen bleiben.)DSC02681

Lektion 4

Wie viele Dinge braucht man im Alltag? Wenige, erschreckend wenige. Den gesamten Urlaub habe ich mit einem Becher bestritten, der für Getränke, Coffee-to-go und Zähne putzen herhalten musste. Daheim habe ich so viele Tassen und Gläser, ich könnte jeden Tag eine andere benutzen. Es war gut, so wenig zu brauchen (feiner Unterschied zu „wenig zu haben“) und zu erkennen, welche Gegenstände wirklich wichtig sind. Wie ein Alltag entstehen kann, der ohne Strom seinen eigenen Rhythmus entwickelt, dennoch Bequemlichkeiten entstehen, die daheim keine wären, weil man ja viel mehr Möglichkeiten hatten. Aber wie viele Möglichkeiten braucht man im Alltag?

Lektion 5

Mücken stechen auch durch Leggings. (Falls jemand aktuell eine Dokumentation zur Beulenpest dreht, keinen Maskenbildner hat für ein authentisches Krankheitsbild – einfach melden, ich kann einspringen…)

Lektion 6

Keine Lektion wird etwas ändern. So sind Urlaube. Eine Paralell-Welt aus weniger „müssen“ und „sollen“ und der richtigen Portion an „alles egal“. Inzwischen habe ich schon drei Tassen benutzt, Kleinigkeiten „kurz abgespült“, zu oft in den Spiegel geschaut und Mails gescheckt. Wir werden wieder so Urlaub machen, im Auto schlafen, einen Becher benutzen und Kalt-Duschen gar nicht mehr so schlimm finden. Das mache ich so lange, bis sich mein Kopf nachhaltig sortiert hat und auch für den Nicht-Urlaubs-Alltag bereit ist. Weil ich im Urlaub weniger Angsthase war und mehr die Person, die ich gerne wäre, ohne es für andere sein zu müssen.

 

Urlaubsfragenkatalog: Heikel, heikel – deine Meinung zum Pony? Wie bleibt das Urlaubsfeeling auch im Alltag bestehen? Hast du eigene Campingerfahrungen gemacht?

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